Ausgezeichnet

Wegmarken von Hildegard E. Keller

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Never trust the artist.
Trust the tale.
D. H. Lawrence

Aus vielen Richtungen kam Rückenwind für mein Schaffen. Hier habe ich Werke zusammengestellt, die gefördert, nominiert und ausgezeichnet wurden und mir Einladungen an Festivals und Berufungen zu Professoren bescherten. All dies liess mich auch persönlich zu neuen Ufern aufbrechen. Was für andere Herzensprojekte, die ich unter der Rubrik UNBOXED vorstelle, ebenso gilt.

I have tried in my way to be free.
Leonard Cohen, Bird on a Wire

1992

WORT UND FLEISCH
Die Doktorarbeit an der Universität Zürich erhält die Note summa cum laude. Für die sprachliche Qualität wird sie ausgezeichnet mit dem Förderpreis der Gesellschaft für Hochschule und Forschung. Diese Zeit ist gespickt mit persönlichen Erfahrungen. Ich erinnere mich an den damals schon sehr alten Max Wehrli, der mir in seiner Villa am Zürichberg, umringt von kostbaren Madonnen, Briefe vorlas. Der bettlägerige deutsche Mediävist Friedrich Ohly schrieb sie mit seinem Astronautenkugelschreiber. Er war ein Meisterforscher. Unerbittlich kämpfte er gegen die Zeit, damit er sein Lebenswerk vollenden konnte. Ohly brachte die Edition des Textes, über den ich doktorierte, zumindest in den Grundzügen fertig; der Astronautenkugelschreiber wanderte in meinen Roman Was wir scheinen weiter, wo es um Hannah Arendts ersten Herzinfarkt geht.

Friedrich Ohly schickte mir auch einen persönlichen Text. Dank Glück eines Gefangenen mit Steinen und Puschkin, seinem autobiografischen Bericht aus der Kriegsgefangenschaft, ging mir ein Licht auf. Eine akademische Karriere kann zu einem Schicksalsweg werden.

Im selben Jahr lud man mich ein als ERASMUS-Dozentin an der Universität Konya. Das war mein zweiter Berufseinsatz im Ausland, nach der Anstellung in der Deutschen Schule von San Salvador (El Salvador, 1983-4). In der Türkei unterrichtete ich Deutsche Sprache und Literatur sowie ein Seminar zur Schweizer Gegenwartsliteratur. Mit Hilfe meines Gastarbeiter-Türkisch bewegte ich mich durch die Stadt, war bei Teppichhändlern und Sufis. Der tanzende Derwisch, der hier abgebildet ist, war das Abschiedsgeschenk des Dekans.

1996

Berufung
Als Stellen für Hauptlehrkräfte in Gymnasien des Kantons Zürich ausgeschrieben waren, nahm ich an vier Wahlverfahren teil, drei Schulen boten mir eine Stelle an, ich entschied mich für das Mathematisch-Naturwissenschaftliche Gymnasium Rämibühl. Fünf Jahre lang war ich Hauptlehrerin für Deutsch und Spanisch, machte Schreib- und Theaterprojekte, leitete Lehrpraktika und qualifizierte mich als Literaturwissenschaftlerin. An dieser Schule lernte ich Linus Hunkeler kennen, als Schüler in einer meiner Deutschklassen; seither geht kaum etwas ohne ihn. Zig Webseiten und Bücher sind mit ihm entstanden.

2000

MY SECRET IS MINE
Die Philosophische Fakultät der Universität Zürich habilitierte mich (Venia Legendi in Deutscher Literaturwissenschaft). Das Buch erschien dann auf Englisch, was mir nicht wenig Kritik einbrachte. Heute publizieren auch Germanisten auf Englisch.

Man lud mich als ERASMUS-Dozentin an die Universität Amsterdam ein. Dort unterrichtete ich Theorie, Geschichte und Aufführungspraxis des weltlichen Theaters im Mittelalter und inszenierte mit den Studierenden Die Gemüsenarren mit prächtigem Gemüse und Gendercrossing im Dekanatssaal.

Man lud mich ein, den Lehrstuhl für Mediävistik am Institut für Deutsche Philologie, Ludwig-Maximilians-Universität München, zu vertreten.

Die Universität Zürich berief mich als Assistenzprofessorin für Ältere Deutsche Literatur von den Anfängen bis 1700. Am Deutschen Seminar lehrte, forschte und inszenierte ich sechs Jahre lang. Man lud mich ein als Multimedia-Creator und Sprecherin in internationalen Projekten (Ausstellung, Audioguide, Installation in Museen, DVD). An der Philosophischen Fakultät leitete ich Berufungskommissionen und konzipierte das interdisziplinäre Projekt Jakob Rufs Theater- und Heilkunst. Ich gründete eine Theatergruppe für Studierende. Unsere Auftritte führten uns auf Kleinbühnen, in Museen und Kirchen.

2003

Theatermacher und Stadtchirurg Jakob Ruf
Der Schweizerische Nationalfonds bewilligte das Projekt Jakob Rufs Theater- und Heilkunst; unser Team bestand aus zehn Forschenden und Hilfskräften aus fünf Disziplinen. Gemeinsam erschufen wir eine 3500 Seiten-Ausgabe, die 2008 erschien. Wir kuratierten die Ausstellung im Strauhof (2006) und inszenierten zwei Vernissagen im Stadthaus Zürich. Zahlreiche Stiftungen förderten das Projekt. Es erhielt national und international viel Aufmerksamkeit.

Im gleichen Jahr berief man mich in die Verwaltungskommission und den Vorstand des Literaturhauses Zürich.

2005

Max Kade Distinguished Visiting Professorship

We proudly invite you, stand im Einladungsbrief! Ich verbrachte den Spätsommer und Frühherbst am German Department an der Indiana University, Bloomington IN, USA.

2007

Die Stunde des Hundes
Das Hörspiel (144 Minuten) im illustrierten Buch wurdenominiert für den Deutschen Hörbuchpreis und ausgezeichnet mit dem Mystikpreis der Theophrastus-Stiftung. Es ist das erste Gesamtkunstwerk, das ich als Drehbuchautorin, Mediävistin, Sprecherin und Medienproduzentin erschaffe.

2008

Full Professor
Berufung ans German Department der Indiana University in Bloomington IN, USA. Dort wirkte ich zehn Jahre lang, auch in Advisory Boards (Center for Documentary Research and Practice, Institute for European Studies), im Planungsteam des Mellon Grants Performing the Middle Ages. Ich wurde ausgezeichnet mit dem Teaching Award der Indiana University. Mit den Studierenden machte ich kreative Projekte, auch mit Hörspielen und einer Performance im Kunstmuseum. Ko-Kuratorin der Event-Serie Medievalia at the Lilly und der Ausstellung Performative Books. In Zusammenarbeit mit Pro Helvetia organisierte ich Lesungen von Schreibenden aus der Schweiz.

2009

Jurorin ORF
Ich wurde eingeladen als Jurorin beim Bachmann-Preis in Klagenfurt. Das österreichische Landesstudio Kärnten in Zusammenarbeit mit 3sat Mainz verantwortet die jährliche Austragung des Literaturwettbewerbs, mit Direktübertragung während vier Tagen. Bis 2019 erlebte ich tolle TV-Crews, Kolleginnen und Kolleginnen aus dem ganzen deutschsprachigen Raum und hatte das Privileg, Autorinnen und Autoren in einem entscheidenden Moment ihres Weg vor die Kamera zu bringen. Viele konnten mit einem Preis heimreisen, eine Autorin gewann 2013 den Ingeborg-Bachmann-Preis.

Im gleichen Jahr unterstütze Pro Helvetia meine Recherchen in Argentinien. Diese Reise war der Beginn des Alfonsina-Storni-Projekts, das ich 2024 abschliessen konnte.

2012

Literaturkritikerin SRF
Man berief mich ins Kritikerteam des Literaturclubs im Schweizer Fernsehen. Bis 2019 erlebte ich vier verschiedene Personen in der Gesprächsleitung, zahlreiche Mitglieder in Kollegium und Staff, und viele, viele Sendungen aus dem Papiersaal in Zürich.

Im gleichen Jahr nominierten mich Studierende für den Lehrpreis an der Universität Zürich.

2013

Gastprofessorin in London
Einladung ans Department of German. School of Languages, Linguistics and Film. Queen Mary, University of London. Dort zeigte ich den Rough Cut meines ersten Dokumentarfilms Whatever Comes Next; 2014 und 2015 wurde er für diverse Festivals in den USA ausgewählt, 2017 machte der ORF/3sat eine Fernsehfassung davon.

2014

China
Auf Einladung von Pro Helvetia Lesereise nach China. Gemeinsam mit anderen Schreibenden aus der Schweiz präsentierte ich in Beijing aktuelle Werke. Im Zentrum stand das Hörspiel und Buch Das Kamel und das Nadelöhr, über den in China überaus populären Philosophen Zhuangzi.

2016

Performance
Uraufführung
der zweisprachigen Multimedia-Performance Un viaje con Alfonsina / A Journey with Alfonsina im Buskirk-Chumley Theater in Bloomington. Komposition und musikalische Leitung: Franciso Córtes Álvarez. Unsere Performance wurde unterstützt mit einem Conference Grant des College Arts & Humanities Institute, Indiana University, einem Performance Grant des Vice President for International Affairs, Indiana University und von der Jacobs School of Music.

2016

Atelierstipendium in Berlin
Ich verbrachte den Spätsommer und Frühherbst in London an der Auguststrasse in Berlin-Mitte, dank der Landis & Gyr Stiftung. In dieser Zeit begann ich an einem neuen Projekt zu arbeiten, aus dem mein Hannah-Arendt-Roman Was wir scheinen wurde.

2017

Gastprofessur in Buenos Aires
Einladung ans Instituto de Artes Mauricio Kagel an der Universidad General San Martin UNSAM. Buenos Aires, Argentinien. Das Ziel war eine Inszenierung mit Studierenden aus den Departments für Schauspiel, Figurentheater und Folklore. Das Thema: Alfonsina Storni. Diese Gastprofessur führte schliesslich zur Entscheidung, künftig freiberuflich zu leben.

Zurück in Zürich fokussierte ich auf den zweiten Dokumentarfilm Brunngasse 8 und konzipierte ein kreatives Lehrprojekt, das den Studierenden die Chance gab, am Film mitzumachen: Ich begann, an der Universität Zürich Multimedia-Storytelling zurichstories.org zu lehren. 2018 nahm das Bundesamt für Kultur die Plattform in die E-Helvetica auf.

2021

Roman. Festivals
Der Roman Was wir scheinen erschien als Spitzentitel des Frühlingsprogramm 2021, mitten im Lockdown, als Hardcover, E-Book und Audiobook, 2022 als Taschenbuch. Er wurde in Radio und Fernsehen präsentiert, ins Italienische und Kroatische (beide 2023) übersetzt und zu Festivals in Venedig, Mailand und Zagreb eingeladen. Beim Schreiben unterstützten mich Residenzen in Visby, Schweden, in Meran, Italien; der Roman wurde gefördert mit einem Werkbeitrag der Kulturkommission des Kantons St. Gallen.

2022

Filmpremiere
Brunngasse 8
feierte Premiere in Zürich. Der Kanton Zürich und zahlreiche weitere Geldgeber hatten den Film unterstützt. Er war lange im Kino zu sehen und wurde in der Sternstunde Religion SRF gezeigt.

Storytelling
Das Radiofeature Was wir sind und scheinen entstand im Radiostudio Basel. Ich durfte es wieder mit Simon Meyer produzieren und brachte die Lieder mit: vertonte Gedichte von Hannah Arendt, die wir für die Buchvernissage geschaffen hatten.

Kriminelles Zürich
Im gleichen Jahr ernannte Zürich Tourismus unsere Stadttour Kriminelles Zürich zur erfolgreichsten Tour für Gruppenevents.

2023

Alfonsina Storni auf Deutsch
Ultrafantasía erschien als Abschluss der von mir übersetzten und herausgegebenen Werkausgabe in fünf Bänden (2020-2023). Die ersten Recherchen waren von Pro Helvetia und anderen Stiftungen unterstützt worden. Ich hatte damit auch die Zitiergrundlage für die Biografie geschaffen. Das neu erschlossene Werk stiess auf Interesse. Radiosender, Theater und Verlage fragten nach Aufführungsrechten und Abdrucklizenzen.

So führte etwa Alfonsina Storni einen stürmischen Kampf gegen das Leben in der Machogesellschaft Argentiniens, in der zu jener Zeit ausschließlich Status und Virilität zählten. Eine Frau, die wie sie ein uneheliches Kind hatte und die in ihren surrealistischen Geschichten männliches Überheblichkeits- und Imponiergehabe, aber auch weibliches Duckmäusertum angriff, war regelmäßig Anfeindungen ausgesetzt.
Sandra Kegel in: Prosaische Passionen, 2022

2024

Gold Award
Meine zweibändige Biografie zum Leben und Weiterleben der Alfonsina Storni erschien im Oktober 2024. Sie wurde in der Tagesschau SRF und in der Kulturzeit 3sat vorgestellt und im März 2026 mit dem Gold Award der International Creative Media ICMA ausgezeichnet.

The double cover that connects the two volumes is very innovative. Very valuable and elegant book design, very well-chosen images to match the text.
Jury of the 16. International Creative Media Award ICMA, Dec. 2025

2025

Bilderbuch Die weisen Tiere
Die weisen Tiere ist das einzige Märchen von Hannah Arendt. Zum 50. Todestag brachte ich die Originalausgabe heraus, von mir illustriert und mit einem Nachwort versehen. Es wurde präsentiert auf Deutschlandradio Kultur und im Mai zum Vorlesebuch des Monats in Bayern ernannt. Auch eine Lizenzausgabe erschien.

2026

Atelierstipendium London
Ich verbringe Februar bis April in London. Diesen Freiraum für neue Kunst verdanke ich der Landis & Gyr Stiftung.

Tirana
Einladung
zur Lesereise und Poetikdozentur

2027

Tampere
Einladung als Keynote-Speakerin über Performative Praxis / Creative Teaching. Nordisch-Baltisches Germanistiktreffen.

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