Hannah Arendt erzählen
Hildegard E. Keller ENGLISH
Was wir scheinen
Was wir scheinen ist ein Roman. Die Hauptfigur ist Hannah Arendt. Er verbindet zeitgeschichtliche Fakten, biografische Recherche und literarische Fiktion. Als Leserin sitzt man der Hauptfigur auf der Schulter und geht mit ihr durchs Leben, ganz nah an ihrem Herzen, ihrem Denken und Fühlen.
Ausgehend vom letzten Sommer der Hannah Arendt (1906-1975) erzähle ich ein Leben von innen und aussen. Die amerikanische Publizistin und Denkerin mit jüdisch-deutschen Wurzeln floh 1933 aus Nazi-Deutschland nach Paris und 1941 nach New York. Dort lebte sie bis zu ihrem Tod am 4. Dezember 1975.
Was wir scheinen - die kongeniale Nachempfindung von Wesen, Wirken und Wollen der worttollen Hannah Arendt. Eine poetische Liebesgabe. Lesen!
Seit 1941 setzte sie sich mit totalitären Systemen und ihrer Wirkung auf Kollektive und den einzelnen Menschen auseinander. 1961 reiste sie als Journalistin an den Jerusalemer Prozess gegen Adolf Eichmann. Ihr Buch Eichmann in Jerusalem erschien 1963 auf Englisch und 1964 auf Deutsch. Darin versteht sie sich als unabhängige Prozessbeobachterin, was für eine jüdische Autorin gewagt war. Prompt kam es zum Konflikt. Die Kontroverse gegen Hannah Arendt war überaus heftig. Die Suche nach den persönlichen Folgen für den Menschen Hannah Arendt lag mir beim Schreiben am Herzen.
Fiktion und Realität verschmelzen hier aufs Schönste.
Fiktion ist ein Freiraum, ein Spielraum, in dem hinter den historischen Fakten der Mensch, die Frau erscheinen kann. Ich erzähle von guten und auch anderen Zeiten der Hannah Arendt, ihrem Selbstverständnis als denkendes, fühlendes und handelndes Wesen. Sie setzte sich damit auseinander, was passiert, wenn sich ein Mensch von seinem Verstand, seinem Herzen lossagt, sozusagen den Menschen abkoppelt, auf dem Gleis zurücklässt und nur noch mit dem Rest weiterfährt.
Hannah Arendts Mut, sich das Leben von Adolf Eichmann genau und objektiv, frei und unabhängig, so neutral wie zu Beginn der 1960er Jahre nur möglich anzuschauen, ist unerhört. Dieser Mut steht im Zentrum meines Romans. Er hat erwirkt, dass über viele historische Fakten diskutiert wurde. Was ist wirklich und wahr? Was kann nicht geleugnet werden, selbst wenn es unter den Teppich gekehrt wird? Im Roman kann man erleben, wie ein Mensch unsere Sehschlitze um mehr als nur ein Mü erweitert hat.
Lesen Sie. Ermutigender war lange nichts.
1964 sagte Hannah Arendt im Interview, sie habe immer gemacht, was sie wollte, ungeachtet dessen, ob es sich für Frauen schickte. Tatsächlich war sie eine der ersten Frauen in männerdominierten Institutionen und Medien tat. Gleichwohl blieb ihr die Erkenntnis nicht erspart, dass auch sie sich bestimmten Männern gegenüber kleiner gemacht hat. In Kapitel 9, vor ihrer allerletzten Begegnung mit Martin Heidegger, erinnert sie sich an ihr Verhalten ihm gegenüber und schüttelt den Kopf:
«Noch immer gibt es für Heidegger nur einen im Raum, ihn selbst, dachte sie. Es ist für ihn immer unerträglich gewesen, dass ich Bücher schreibe und mein Name in der Öffentlichkeit erscheint. Weiß der Deibel, warum ich so lange mitgespielt und geschwindelt und immer so getan habe, als könnte ich nicht bis drei zählen. Kurios, wie froh er doch immer war, wenn sich in der Interpretation seiner eigenen Sachen herausstellte, dass ich manchmal sogar bis vier zählen kann.»
Wie kann das Weibliche seine Würde und seinen Platz einnehmen, ohne verleugnet, geopfert werden zu müssen? Für mich machte es Sinn, dass ich der Frau, die Hannah Arendt war, erneut eine Stimme gab. Mir geht es nicht um richtig oder falsch, sondern dass Diversität auch im Inneren denk- und fühlbar wird. Wir haben viel erlebt unterwegs. Unser gemeinsames Fahrzeug ist der Roman. Über fünfhundert Seiten lang gondeln wir durch die Welt, ich komme aus dem Staunen nicht heraus.
Es ist schön zu sehen, wie die vielen Dialoge mit Freunden, Ehemännern, aber auch mit Fremden oder neuen Begegnungen durch die Seiten aufscheinen und zu etwas werden. Besonders die Frauenfreundschaften fallen ins Auge.
Viele Orte spielen im Roman eine Rolle; an einigen habe ich selbst gelebt, gearbeitet oder auch am Roman geschrieben. Impressionen zu Hannah Arendts Lebensstationen und der Entstehung von Was wir scheinen.
Hannah Arendt floh 1933 nach Paris. Sie war von Günther Stern noch nicht geschieden und engagierte sich in der Sozialarbeit für Flüchtlingskinder. Das Fernziel für die Kinder war Palästina. Nach meinen Recherchen schrieb sie für diese jungen Menschen das Märchen Die weisen Tiere. Bald danach lernt Hannah Arendt selbst ihren Prinzen kennen, heiratet zum zweiten Mal und flieht mit Heinrich Blücher nach Amerika. Die Pariser Atmosphäre ist spürbar auf dem Bild, das aufs Cover der Taschenbuchausgabe gekommen ist.
Umschlag des Taschenbuchs, 2022
Umschlag des Taschenbuchs, 2022
Im Mai 1941 landet Hannah Arendt mit ihrem Mann Heinrich Blücher in Manhattan. Der Roman Was wir scheinen schildert ihre Ankunft (Kap. 2) und das Zusammenleben des Paars mit Hannah Arendts Mutter auf engstem Raum. In New York etabliert sie sich als Journalistin in zwei Sprachen. Das Paar zieht mehrmals um, bis es die grosszügige Wohnung am 370 Riverside Drive bezieht. Dort schreibt Hannah Arendt auch ihren Bericht als Prozessbeobachterin in Jerusalem.
Die Arbeit daran zieht sich in die Länge. Dafür gibt es viele Gründe. In Kapitel 18 und 20 zeige ich Arendt beim Denken und Schreiben, aber auch in Gesprächen mit ihrem Mann und mit Ingeborg Bachmann, die auf ihrer Lesereise Halt in Manhattan machte. Hannah Arendts Bericht konnte erst im Frühjahr 1963 erscheinen, zuerst als Serie im traditionsreichen Magazin The New Yorker, dann als Buch unter dem Titel Eichmann in Jerusalem. A Report on the Banality of Evil. Ich erzähle in meinem Roman von den Reaktionen der Leser. In Kapitel 22 und 24 gehen die Wogen des Hasses gegen Hannah Arendt besonders hoch. Wie geht die Autorin mit dieser Feindseligkeit und Gewalt gegen sie um? Ich erzähle auch davon.
Drei der fünf Cover (Feb.-März 1963)
Drei der fünf Cover (Feb.-März 1963)
Aber auch schon viel früher ist Manhattan ein wichtiger Schauplatz. Unfassbar viele Flüchtlinge aus Europa kommen dort an, kurze Zeit vor Hannah Arendt auch die zwanzig Jahre jüngere Annemarie Ettinger aus Wien. Im Roman bringe ich die beiden zusammen. Ihr Begegnung in Kapitel 4 ist fiktiv, nicht aber ihre Existenz als "Ankömmlinge" in den USA, wie Hannah Arendt nach der Ankunft schrieb. Man wolle nicht "Flüchtling" genannt werden. Tatsächlich arbeitete Annemarie auf der Redaktion des Menorah Journal. Sie tippte für 8 Dollar die Woche Manuskripte - und hätte sehr leicht Hannah Arendt antreffen können, denn sie war freie Autorin bei dieser Zeitschrift. Weder Annemaries Studium in Berkeley noch Hannah Arendts Gastprofessur dort sind erfunden, nur ihre Begegnung im Hörsaal, von der ich in Kapitel 8 erzähle.
Annemarie Mahler-Ettinger lernte ich in Bloomington kennen. Sie war 87, als sie mir von ihrer Flucht aus Wien und ihrer Jugend in Manhattan erzählte und ich beschloss, ein Filmporträt mit ihr zu machen. In Whatever Comes Next erzählt sie auch vom Menorah Journal, vom Studium in Berkeley und anderen Dingen, die mich beim Schreiben inspirierten.
In der Wohnung am Riverside Drive fand Jerome Kohn, langjähriger Nachlassverwalter und Begründer des Hannah Arendt Centers an der New School for Social Research, das unveröffentlichte Märchen Die weisen Tiere. Es kam in den Nachlass von Hannah Arendt, wurde jahrzehntelang weder beachtet noch veröffentlicht. Ich brachte es erstmals heraus, zum 50. Todestag von Hannah Arendt (2025). Dieses Märchen ist nicht nur für Kinder, sagte Kohn bei unserem letzten Zoomgespräch.
Das Buch The Origins of Totalitarianism öffnete Hannah Arendt die Türen in die akademische Welt in den USA. Sie erhielt ihre erste Gastprofessur in Kalifornien. Von der Fahrt nach Berkeley berichtet sie in langen Briefen, denn Telefonieren war noch unerschwinglich. In Kapitel 8 zeige ich die Hauptfigur im Hörsaal. Manchmal fragte man mich, ob diese Interaktion mit amerikanischen College-Studierenden wirklich den Lehrstil von Hannah Arendt zeige. Ihre erhaltenen Vorlesungsnotizen sind mehrheitlich Skripten von klassischen Vorlesungen. Ich zeige eine Dozentin, die herausfordernde Schreibaufgaben stellt und sehr direkt ins Gespräch mit Studierenden eintritt. Das entspricht eher mir selbst. Es gibt jedoch Zeugnisse von Studierenden, die nahelegen, dass auch Hannah Arendt direkt, sehr persönlich und manchchmal auch forsch auf junge Menschen zuging. - Berkeley bot auch viel Stoff zum Träumen. Im Film Whatever Comes Next schwärmt Annemarie noch immer vom zauberhaften Duft in Berkeley.
Am 11. April 1961 wurde in Jerusalem der Prozess gegen Adolf Eichmann eröffnet. Hannah Arendt sass im Gerichtssaal, machte sich ihre Gedanken und später im Hotelzimmer auch erste Notizen; sie besuchte auch ihren Freund Kurt Blumenfeld. Von dieser Freundschaft erzähle ich in den Kapiteln 10 und 12.
Bloomington ist wichtig, aber wo liegt es denn nur? "Vier Autostunden südlich von Chicago," sagte ich, wenn man mich fragte. 2016 begann ich dort am Roman zu arbeiten. Ich liess meine Erfahrungen im amerikanischen Midwest einfliessen, ich war eine deutschstämmige Professorin und machte gewisse Erfahrungen, wie fünfzig Jahre vor mir Hannah Arendt in Chicago. Ihre erste feste Professur hatte sie dortbekommen. Sie pendelte einige Jahre lang nach New York. Jede lebte in zwei Welten, ich in Bloomington und Zürich.
Berlin. 2016 war ich Artist in Residence an der Auguststrasse. Ich erzählte einem Literaturagenten von meinem Hannah Arendt-Projekt. Er liess nicht mehr locker, der Roman nahm allmählich Gestalt an. Meine Streifzüge in Berliner Vorder- und Hinterhäusern spiegeln sich in Kapitel 10, das in der letzten Wohnung von Hannah Arendt und Günther Stern in Berlin spielt. Auch nach ihrer Flucht blieb die Stadt wichtig. Hannah Arendts zweiter Mann, Heinrich Blücher, war Berliner. Und dann natürlich Bert Brecht. Um seine Lyrik kreisten Arendts Gedanken immer wieder, sie rezitierte sie auch (aus Reflexionen über Bert Brecht und sein Verhältnis zur Politik).
Die Lesung im Brechthaus mit dem Gespräch mit Joseph Vogl ist deshalb eine ganz besondere Erinnerung.
Basel ist wichtig. Hier lehrte eine von Hannah Arendts wichtigsten Bezugspersonen, Karl Jaspers, Professor für Philosophie. Er war ihr unersetzlicher Freund und Ankerplatz in der Schweiz. Sie reiste oft nach Basel, meist über Zürich oder Genf. Nach den beiden Aufenthalten als Prozessbeobachterin in Jerusalem besuchte sie Jaspers Abschiedsvorlesung am 3. Juli 1961 (Kap. 16). Nach seinem Tod flog sie anfangs März 1968 in die Schweiz und sprach an der Gedenkfeier in der Basler Martinskirche, die am Schweizer Radio live übertragen wurde. Der Originalton aus dem Radioarchiv ist in meinem Radiofeature zu hören. Diese Schweizreise 1968 ist das erzählerische Scharnier in meinem Roman, denn Kapitel 26 erzählt nicht nur vom Abschied von Karl Jaspers, sondern auch vom ersten Mal Sommerurlaub der Blücher-Arendts im Tessin. In Basel ist auch das Radiofeature produziert worden. Und der Tonmeister, mit dem ich seit vielen Jahren Hörspiele, Filme und Podcasts herstelle, ist in Basel. Benno Hofer hat auch unsere Arendt-Lieder gemastert. Im Jahr 1981 begann ich an der Uni Basel mein Studium und las zum ersten Mal Vita Activa von Hannah Arendt.
Tegna ist das Tessiner Dorf, in dem Hannah Arendt sieben Sommer lang Ferien machte. Sie war inkognito dort. Die Abgeschiedenheit behagte ihr, hielt sie aber nicht davon ab, Postkarten an ihre Freunde zu schicken und sie in Tegna zu empfangen. Das Dorf war an die Zugverbindung nach Paris angeschlossen.
Der Sommer 1975 bildet den Schauplatz für die Hälfte meines Romans. Was wir scheinen machte Tegna als Urlaubsort von Hannah Arendt bekannt. Die Gemeinde Piedemonte, zu der Tegna heute gehört, lud mich zu einer Lesung ein; sie fand anlässlich eines Fests zur Einweihung der neu gestalteten Piazza statt.
Köln ist wichtig, für den Roman und sein Erscheinen. Köln ist der Sitz des Eichborn-Verlags. Was wir scheinen war der Spitzentitel im Frühlingsprogramm 2021, auch als E-Book und Audio Book. 2022 erschien das Taschenbuch.
Köln ist auch ein wichtiger Schauplatz im Roman. Im sechsten Kapitel begegnet Hannah Arendt dem Kölner Kinderarzt Johannes Zilkens. Es wurde eine lebenslange Freundschaft daraus. Zilkens war Vertrauensdozent der Studienstiftung des deutschen Volkes und lud Hannah Arendt auch zu Seminaren ein. An der Universität zu Köln im Frühherbst 1964 siedle ich das fiktive Seminar mit deutschen Studierenden an (Kapitel 24). Hier liess sich die Stimmung bei Hannah Arendts Deutschlandreise 1964 einfangen. Ihr Eichmannbuch in deutscher Übersetzung erschien pünktlich zur Frankfurter Buchmesse 1964. Zum Marketing des Verlags gehörte nicht nur das Radiointerview mit Joachim Fest, sondern auch das längst legendäre Fernsehinterview. Dieses Kapitel vermittelt Sichtweisen auf das Eichmannbuch, sowohl seiner Autorin als auch der deutschen Studierenden.
Zürich ist wichtig: Hannah Arendt verbrachte mehrmals längere Zeit in Zürich, besass ein Bankkonto und schätzte ihren Zürcher Dichterfreund Gottfried Keller, dessen Gedicht Die öffentlichen Verleumder ihr zum Lebensbegleiter wurde. Wie genau, erzähle ich in Kapitel 21. - Seit 1984 wohne ich in Zürich. Hier traf ich zum ersten Mal meinen Verleger Dominique Pleimling und meine Lektorin Ulrike Ostermeyer, hier schrieb ich den Roman Was wir scheinen und das Drehbuch zum Radiofeature, hier illustrierte ich das Märchen Die weisen Tiere, alles im Arbeitszimmer, in dem einst Max Frisch den Stiller begonnen hatte. Hannah Arendt war Gast in mehreren Zürcher Hotels, zwei spielen eine Rolle auch im Roman. Meine Recherchen führten zu den Hotels, in denen Hannah Arendt in bedeutsamen Momenten abgestiegen war. Das Hotel Dolder, heute Gran Hotel Dolder, war ihre Wahl nach der zweiten Reise an den Jerusalemer Prozess. Hannah Arendt flog von Jerusalem nach Zürich, ihr Mann flog zum ersten Mal über den Atlantik; in Kapitel 16 holt sie Heinrich in Kloten ab. Die Buchpremiere von Was wir scheinen konnte im Grand Hotel Dolder stattfinden. Das war ein Glück für uns alle.
Buchpremiere & Songs
Die Buchpremiere hatte wegen des Lockdowns lange warten müssen, doch am 10. Oktober 2021 war es soweit. Im Ballsaal des Grand Hotel Dolder gab es eine Matinée mit Lesung, Anekdoten, Projektionen auf dem Riesenschirm und unseren uraufgeführten wunderbaren Liedern zu Gedichten von Hannah Arendt; anschliessend servierte man Champagner und Bacon & Eggs, genau wie in der fiktiven Frühstücksszene mit Hannah Arendt und Ingeborg Bachmann in Kapitel 20.
Eigens für diesen Event vertonten wir acht Gedichte von Hannah Arendt. Die Idee dazu hatte ich, als ich den opulenten Ballsaal des Hotels betrat. Er rief nach mehr als nur einer Lesung. Ich folgte dem Impuls, wählte acht Gedichte aus, die im Roman wichtig sind. Sandra Suter schlug Vertonungen für einige der Lieder vor, andere stammen von mir, Sandra hat sie verfeinert, bereinigt und mit Cues für Piano versehen; die Begleitung auf dem Flügel des Dolder arbeitete Peter Zihlmann aus.
Die Aufnahmen wurden anlässlich der Uraufführung der Lieder am Sonntag, 10. Oktober, Ballroom The Dolder Grand, gemacht. Tonmeister und Mastering: Benno Hofer, Nadelberg. Liedtexte: Hannah Arendt: Ich selbst, auch ich tanze. Die Gedichte. Piper: 2015.
Unter den vertonten Gedichten ist das Gedicht Nr. 37. Es trägt keinen Titel, doch die erste Zeile Was wir sind und scheinen ist in voller Länge der Titel des Radiofeatures, in abgekürzter Form der des Romans. Es ist unser Titelsong geworden.
Das Gedicht Nr. 14, ebenfalls ohne Titel, stammt aus der Marburger Studienzeit, als Hannah Arendt bei Martin Heidegger studierte.
Gedicht Nr. 22 trägt als Titel die Initialen von Walter Benjaming: W. B.
Auch das Sommerlied (Nr. 13) und Im Volksliedton (Nr. 2) zählen zu den frühen Gedichten.
Gedicht Nr. 31 hat keinen Titel. Im Roman ist es wie eine Melodie im Hintergrund, ein Nachklang zu Hannah Arendts Auseinandersetzung mit dem Totalitarismus.
Nr. 71 ist das letzte der von Hannah Arendt verfassten Gedichte. Ohne Titel. Zeit und Raum des gelebten Lebens scheinen sich aufzulösen - wie in der Nr. 58, ebenfalls ohne Titel. Ein Mädchen und ein Knabe, draussen liegen die Jahre, drinnen ihr Beisammen.
Medien
Gesichter und Geschichten
Zu Gast in der Sendung vom 25. Februar 2021. Moderation: Nicole Berchtold.
Kulturplatz
Zu Gast in der Sendung vom 3. März 2021. Ein Beitrag von Lillybelle Eisele.
Leipziger Buchmesse 2021
Zu Gast auf dem blauen Sofa. Leipzig extra. Moderation: Nina Mavis Brunner.
Kontext
Zu Gast in der Sendung vom 8. April 2021
Hannah Arendt als Roman? Das gibts!
Romanfabrik, Frankfurt a.M.
Zu Gast in der Romanfabrik. Ohne Publikum, Live-Stream. Moderation: Michael Hohmann
Alte Schmiede, Wien
Zu Gast bei Literatur im Herbst, Samstag, 15. Oktober 2022, Theater Odeon. Moderation: Walter Faml
Hörbahn
Zu Gast im Internetradio. Lesung von Hildegfard Keller. Gespräch mit Uwe Kullnick
November 2022
Zeitzeichen
Besprechung von Klaus-Martin Bresgott
November 2022
Eine Leseempfehlung, hier ein Auszug: Hannah Arendt ist zurück. Nein, sie war nie weg. Nur die Sehnsucht nach ihrer unverstellten Art des Seins im Sprechen und Schreiben, ihre geschwätzlose Geradlinigkeit, die sie in ihrer phrasenfreien Direktheit so wohltuend für sich stellt, wenn sie der Liebe zur Welt auf den Grund geht wider alle salbungsvolle Leere, wird neu geweckt und inspirierend gestillt in Hildegard E. Kellers Romanerstling.
Diese intime Hommage in diesem Biografisches und Fiktives überzeugend verschmelzenden Roman durchgehend spürbar zu machen, ist ein erstes großes Verdienst dieses Buches, das die 69-jährige Hannah Arendt im Sommer 1975 im Urlaub im Tessin begleitet, wo sie ihren Erinnerungen die Tore öffnet. Das gelingt in erfrischender Lebendigkeit vor allem in Gesprächen, die die Momente der Muße kostbar kristallin werden lassen. Ein weiteres Verdienst ist die leichtfüßige Einführung in das Denken dieser Frau, ihr Wachsen an und Lösen von ihren Lehrern Martin Heidegger und Karl Jaspers, ihre Vorliebe für Kant, ihre Erkenntnis- und Urteilskraft, geschärft und mutig schutzlos in den Wind der Welt gestellt mit ihrem berühmtesten Werk Die Banalität des Bösen. Damit verbindet Hildegard E. Keller geschickt zwei besonders kraftgebende Eigenschaften Hannah Arendts – die der Befreiung ihrer selbst von aller weltlichen Willkür durch das Lachen als Form der Emanzipation und Souveränität, auch im Umgang mit Spaltungsenergie innerhalb der eigenen Gemeinschaft – und die der Tröstung im Gedicht. Hildegard E. Keller offenbart Hannah Arendt hier nicht nur als Kennerin der Werke Schillers, Brechts oder Ingeborg Bachmanns – mit der es im Buch wiederholt zu besonderen Begegnungen kommt –, sondern selbst als Poetin, die noch in dieser erhabensten Form der Reduktion unüberlesbar sie selbst ist. So eröffnet sich auch der Buchtitel als Adaption eines Verses von Hannah Arendt. Diese wie ein Schatz verborgene lyrische Seite und die Reflexion darüber erfahren im Buch eine bemerkenswerte, mehr als gerechtfertigte Präsenz und machen umso deutlicher fühlbar, welche Welt in der Erkenntnis ruht, „sich selbst sein, das ist das ganze Leben“. Das größte Verdienst des Romans schließlich liegt in der Offenbarung der das eigene Schicksal mutig und heiter in die Hand nehmenden Menschlichkeit der Hannah Arendt, die sich auf zwei besondere Beziehungen stützt, die lebenslange Ratgeber und Gesprächspartner waren: zu ihrem Mann Heinrich Blücher und zu Kurt Blumenfeld, einem der bedeutendsten Zionisten, mit dem Hannah Arendt seit den frühen 1930er-Jahren eng befreundet war. Die dramaturgisch brillanten und geradezu plastisch erlebbaren Gespräche um Wahrheit und Vernunft, Freundschaft und Wahrhaftigkeit sind von großer Empathie und jener herzimmanenten Klugheit getragen, ohne die ein fühlendes Leben nicht zu existieren vermag. Hier reifen Erkenntnisse wie „Menschen sind mehr wert als ihre Meinungen“. Hier werden mit dem Journalistenfreund Alain Fraternité, Égalité und Liberté noch um Amitié und schließlich Verité erweitert. Hier schlägt das Herz des Buches, und aus ihm klingt das Lob auf die Schönheit der Welt. Sie zweifeln daran? Lesen Sie. Ermutigender war lange nichts.Klaus-
www.hannaharendt.net
Besprechung von Lilli Mühlherr
Dezember 2022
Unter dem Titel Weltreise mit Hannah Arendt bespricht Lilli Mühlherr Was wir scheinen. Hier ist ein Auszug: Der Roman ist hervorragend recherchiert und integriert Fakten, Werkteile sowie Briefe aus den Arendt Papers, die kaum je beachtet worden sind. Ebenfalls nahezu unbekannt ist die hier auserzählte Beziehung Hannah Arendts zur Schweiz. Keller arbeitet mit Fiktionalisierungen, die in Verbindung mit den neuen Rechercheergebnissen wohl selbst für Kenner nicht leicht durchschaubar sein dürften. Als Literaturwissenschafterin kann ich mich in den umfangreichen Anhang mit ungedruckten und gedruckten Quellen vertiefen, erkenne intertextuelle Bezüge (von Ingeborg Bachmann über Kurt Blumenfeld, Bert Brecht und Günther Anders bis zu Uwe Johnson) und sehe, dass Florian Illies sich schon bald nach Erscheinen des Romans darauf gestützt hat (Liebe in Zeiten des Hasses, 2021). Das mag alles anregend und wichtig sein, doch als Romanleserin suche ich einen anderen Zugang zu Hildegard Kellers Werk und ihrer Hauptfigur.
Hannah Arendts Ringen um das Eichmannbuch nimmt viel Platz ein. Hildegard eller zeigt die Autorin in ihrem Schreibprozess, aber auch 1963, nach der Veröffentlichung der Reportagenserie und des daraus entstandenen Buches, als mutige, unerschrockene, aber nicht unverletzbare Hannah Arendt. Die sogenannte Kontroverse nach der Publikation kostete ihren Preis, soviel ist nach der Lektüre dieses Romans klar: Nicht nur, wie heftig damals gegen die Person Hannah Arendts geschossen wurde, dass die Flut an öffentlichen Diffamierungen kaum mehr verebbte, dass auch ihre Ehe und einige Freundschaften einer Zerreissprobe unterzogen wurde, sondern auch, wie die Rezeption dieser Kontroverse zu Fehldeutungen geführt hat. Der Roman zeigt immer wieder andere Sichtweisen als die gemeinhin bekannten, so auch auf die Beziehung von Hannah Arendt zu Gershom Sholem; auch hier ist Keller fündig geworden, diesmal im Archiv der ausgiebig zitierten Neuen Zürcher Zeitung.
Wie jeder Roman, der von historischen Figuren und Begebenheiten ausgeht, kann auch Was wir scheinen wohl nur dann als authentisch empfunden werden, wenn man als Lesende wahrnimmt, dass sich die Autorin mit einer Person – und hier auch: ihrem Werk – wirklich auseinandergesetzt hat und in einen Dialog mit ihr eingetreten ist. Mit anderen Worten: Wenn Fiktion und die Fiktionalisierung von Fakten so passen, dass sie stringent erscheinen. Die Autorin gibt im Nachwort (es findet sich nur in der Taschenbuchausgabe) ein Bild für die von ihr entwickelte Erzählperspektive, nämlich die zwei Vögel, die auf Buchstaben sitzen, in der gebundenen Ausgabe auf dem Cover, im Taschenbuch innen auf den Zwischentiteln: „Die Vögel sitzen auf den Buchstaben wie wir auf den Schultern der Hauptfigur: ganz nah an Kopf und Herz. Wir haben Teil an ihrer Lebens- und Welterfahrung“ (S. 569). Mit dieser Erzählweise betritt Hildegard Keller Neuland. Entsprechend leicht und zugleich anspruchsvoll mag die Rezeption für manche sein. Beim Lesen muss man sich auf eine Perspektive der Nähe einlassen, damit Hannah Arendt lebendig werden kann, als Mensch, Denkerin, Liebende, Schreibende, Dichterin. Es werden auch Dimensionen dieses Lebens erahnbar, zu denen sich Arendt selbst nie öffentlich geäussert hat, ohne dass je etwas Voyeuristisches aufkäme. Die Vögel stehen also für die Art, wie man in diesem Roman mit der Hauptfigur unterwegs ist.
Birgit Böllingers Blog
Besprechung
Juni 2021
Auszug aus der Besprechung: Profunde Faktenkenntnis gepaart mit Inspiration, das Spiel mit Schein und Sein, dies geht bei diesem biografischen Roman eine glückliche Verbindung ein. Doch der größere Verdienst von „Was wir scheinen“ liegt nun nicht darin, dass „die Arendt“ so lebensnah erscheint, sei es, wenn sie Ingeborg Bachmann zeigt, wie man amerikanischen Speck brät, wenn sie mit zwei Fingern pfeift oder ein wenig verschämt-stolz ihre Straußenledertasche ausführt und dadurch von Keller etwas vom Status der politischen Pop-Ikonie, zu der Arendt ebenfalls geworden ist, weggerückt wird. Sondern, dass dieses Buch geradezu dazu animiert, den Kant`schen Leitspruch „Sapere aude!“, dem sich auch Hannah Arendt verpflichtet fühlte, anzueignen. „Was wir scheinen“ ist auch – ohne irgendwie professoral daherzukommen – eine Einführung in das selbständige Denken, eine Aufforderung, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen.
Tele D
Gespräch mit Peter Hartmeier
Juni 2021
Ein Gespräch über Politik und Poesie.
Dann werd’ ich laufen,
Wie ich einstens lief
Durch Gras und Wald und Feld;
Dann wirst Du stehen,
Wie Du einmal standst,
Der innigste Gruß von der Welt.
Unser Dreh am praktisch stillgestellten Flughafen Zürich bezieht sich auf Kapitel 16 von Was wir scheinen (Juni 1961).
Sie war im Taxi nach Kloten gefahren, stand nun am Fenster des Flughafenrestaurants und schaute auf das nasse Rollfeld. Die TWA war gelandet, die Passagiere trugen bereits ihr Handgepäck in Richtung Flughafengebäude, eine zweite Boeing 707 war im Anrollen. An der Heckflosse erkannte sie die Pan Am.
CLICK
Buchtipp
März 2021
Ich suchte der Hauptfigur so nahe zu kommen, dass ich mich in den inneren Strom an Erinnerungen, Freud und Leid, einfühlen konnte, gleichzeitig aber eine Distanz wahre, aus Respekt. Sie schützte ihr Persönlichstes. Nähe und Distanz ist ein wichtiges Thema in meinem Roman. Ein Mensch ist unergründlich und unfassbar, niemand kann einem anderen ins Herz schauen. Das gilt für eine Romanfigur ebenso wie für einen realen Menschen.
Was wir scheinen. Der Roman
Was wir scheinen erschien mitten im Lockdown. Das Feedback von Leserinnen und Leser war umso kostbarer für mich: Der Roman zeigte Wirkung. Davon erfuhr ich manchmal auf sehr verschlungenen Wegen. Auch das gehört zu diesem Roman.
Rita Hofmann aus Bonn
Liebe Frau Keller
Ich möchte Ihnen zu Ihrem Buch Was wir scheinen über Hannah Arendt meine absolute Hochachtung aussprechen. Ich bin 90 Jahre alt, war über 70 Jahre Buchhändlerin, habe 20000 Romane gelesen und Sie sind erst die zweite Autorin, der ich schreibe, weil ich begeistert bin.
Hannah Arendt mag eine überaus kluge Frau sein, aber wie Sie sie lebendig werden lassen, ist einmalig. Ich lese Bücher nicht allein wegen ihres Inhalts, sondern auch wegen des Stils, und Ihrer ist ganz besonders gut. Ich hoffe, dass Sie dies ein wenig freut.
Rita Hoffmann
Ich dankte per Telefon. Sie plante gerade ein grosses Familienfest. Später schickte mir Frau Hoffmann ihre Rezension, die sie für ein Lokalblättchen geschrieben hatte.
Unter dem Titel "Was wir scheinen" kann man sich alles oder nichts vorstellen, nicht wahr? Niemand würde doch vermuten, dass es sich um Hannah Arendt handelt, die in diesem Buch aus ihrem Leben erzählt. Sie ist Ende 60 und kommt noch einmal zum Urlaub ins Tessin. Sie ist vor kurzem Witwe geworden und allein, erinnert sich an Freunde, an Ereignisse aus ihrem reichen Leben. Sie ist weltberühmt als Philosophin und politische Journalistin, sie lebt in Amerika, sie ist eine deutsche Jüdin, die in den 30er-Jahren emigrierte, sie ist eine eminent kluge Frau, sie schreibt Bücher, sie dichtet, sie denkt, sie hält Vorlesungen als Gastprofessorin, sie bindet sich nicht, ihr Freiheitsdrang bestimmt ihr Leben. Ein wichtiger Punkt ist der Eichmann-Prozess, an dem sie für die amerikanische Presse als Journalistin teilnimmt, über den sie ein Buch schreibt, für das sie heftig attackiert wird. Hieran erinnert sie sich immer wieder und versucht, sich zu erklären. «Nur das Gute reicht in die Tiefe», sagt sie, «das Böse ist Oberfläche, Eichmann war ein Wicht, kein Dämon.» Die Autorin ist bisher unbekannt, es ist ihr erstes Buch, ich finde es exorbitant. Es fordert Aufmerksamkeit und schenkt Wissen, es ermuntert zum Denken, zur Teilnahme an einem ungewöhnlichen Leben, in das der Leser eintaucht, als wenn er der nun verstorbenen Frau sehr persönlich begegnet in der wunderschönen Tessiner Landschaft und von dort aus in alle Welt. Was für ein Buch! Welch eine literarisch-stilistische Leistung, ich bin wirklich begeistert, aber ich weiß natürlich, dass es nicht die Bestsellerlisten stürmen wird, zu elitär ist das Thema, aber wer sich darauf einlässt, wird reich beschenkt auf mancherlei Weise.
Als ich später wieder anrief, antwortete niemand mehr. Rita Hoffmann war nicht mehr.
Umschlag des Taschenbuchs, 2022
Umschlag des Taschenbuchs, 2022
Noch ein Romanleser
Leid und Kummer zu Markte zu tragen, lag Hannah Arendt fern. Der Roman erzählt im Gestus der ihr eigenen Diskretion, aber wer Ohren hat, der hört. Ein Leser nahm das dunkle Herz des Romans wahr - und auch ernst. Im Juli 2021 mailte er mir aus Berlin:
Ihr Roman hat mich so angesprochen und in Bann gezogen, dass ich ihn seit Sonntag in einem Zuge durchgelesen habe. Auch wenn vieles Fiktion ist, ist mir diese äußerst kluge und mutige Frau durch Ihre Darstellung sehr viel näher gerückt – als Person, in ihrem Netzwerk von Beziehungen und insbesondere in ihren inneren Konflikten im Kontext des Eichmann-Prozesses und ihrer heiß umstrittenen Interpretation. Ihr Buch hat mich sehr berührt. Daher kam ich auf die Idee zu einer Anfrage, ob Sie Zeit und Interesse hätten, sich mit einem Beitrag über Hannah Arendt an unserem Buchprojekt "Leiden und Lebenskunst" zu beteiligen. Dabei sind biographische Bezüge als Ausgangspunkt wichtig, aber mehr noch sollte es um die Auseinandersetzung mit den jeweiligen Krisen und die daraus gezogenen Folgerungen gehen, wie sie auch in Ihrem bewundernswerten Buch eindrücklich verdeutlicht werden (z.B. in dem Briefwechsel mit Scholem). Sehr gerne würden wir einen Beitrag über Hannah Arendt in das Buch aufnehmen.
Wir telefonierten und kamen überein, dass ich für das Handbuch einen Essay zum Roman schreiben würde, aber nur mit der Erzählhaltung der Nähe, die ich im Roman entwickelt hatte. Wissenschaftliche Distanz und Nichtbeteiligung seien für mich kein Weg mehr. Günter Gödde und die anderen Herausgeber waren einverstanden, entgegen der Konzeption des Handbuchs. Es erschien 2023. In der Einführung zu meinem Essay schrieb ich:
Hannah Arendt ist zu einer Ikone der politischen Theorie geworden. Dazu hat die sogenannte Eichmann-Kontroverse wesentlich beigetragen. Ein Image, auch das brillanteste, kann nun aber zur Zwangsjacke werden und sogar der Wirklichkeit ihren Platz streitig machen, wie Hannah Arendt selbst am besten wusste. Nur Monate vor ihrem Tod sprach sie anlässlich der Zweihundertjahrfeier zur Gründung der Vereinigten Staaten über «Image Making as global policy». Diese Zwangsjacke wollte ich lüften und einen literarischen Raum für Hannah Arendt schaffen, in dem sie atmen kann, frei und mit all dem, was sie ausmacht.
Die Zilkens aus Köln
Bei meinen Recherchen zum Roman hatte ich nie Angehörige kontaktiert. Ich fand den Weg zu meinen Figuren von innen heraus. Im Zwiegespräch mit der Hauptfigur Hannah Arendt erfuhr ich alles, was zählte, damit ich die Figuren ins Leben zurück erzählen konnte. Doch nach Weihnachten 2022 kam es zu einem überraschenden Gespräch mit einer Leserin, die mit Hannah Arendt befreundet gewesen war. Auf Linkedin wollte sich jemand mit mir vernetzen. Stephan Zilkens aus Köln? Ich stutzte. Das ist nicht irgendein Name in irgendeiner deutschen Stadt. Ich fragte zurück.
Sind Sie vielleicht der Sohn von Johannes Zilkens?
Ja, der bin ich.
Stephan Zilkens und ich tauschten uns über seinen Vater aus. Johannes Zilkens (1917–2011), Kinderarzt und langjähriger Vertrauensdozent in Köln für die Studienstiftung des deutschen Volks, kommt im Roman prominent vor. Er war mit Hannah Arendt eng befreundet gewesen. In Kapitel 6 erzähle ich von ihrer ersten Begegnung im Jahr 1950, und in Kapitel 26 vom Kölner Seminar 1964, als Zilkens Studienstiftler Hannah Arendt treffen. Auch Marianne Zilkens, seine Frau und Stephans Mutter, kommt im Roman vor. Sie war es auch, die Stephan Zilkens zur Kontaktaufnahme bewegte. Sie habe meinen Roman gelesen, sagte er mir. Ich bat ihn, mir zu telefonieren, wenn er bei seiner Mutter sei.
Zwei Tage später klingelte das Telefon, Stephan Zilkens Nummer auf dem Display. Ich antwortete, er reichte das Handy an seine Mutter weiter. Sie habe das Buch gern gelesen, sagte Marianne Zilkens. Es gab eine Frage, die nur sie mir beantworten, da sie einigen Romanfiguren ganz besonders nahe gestanden hatte. So fragte ich Frau Zilkens: Wie empfinden Sie die Hannah Arendt aus dem Roman, und wie den Johannes Zilkens?
Als würden sie neben mir sitzen.
Rund drei Monate später, im April 2022, starb Marianne Zilkens. Ihr Sohn und ich blieben in Kontakt.
Ich traf Stefan Zilkens an der Art Basel. Er lud mich zum Abendessen am Rheinufer ein, erzählte von "Tante Hannah", und wie sie ihm durch die Pubertät geholfen habe. Wie er sie in Tegna besuchte und sie zum Abendessen einlud, was sie so unangebracht fand, dass sie seine Eltern avisierte. Stephan Zilkens schickte mir später Scans aus dem Nachlass seines Vaters: Briefe, Postkarten und Fotos.
Bei den Scans war auch eine Postkarte aus Tegna. Im Sommer 1970 - für Heinrich Blücher der letzte - schrieben Hannah Arendt, Heinrich Blücher, Anne Weil und Johannes Zilkens an Marianne Zilkens in Köln.
Postkarte 1970 (Familienbesitz).
Postkarte 1970 (Familienbesitz).
Stephan Zilkens hatte mir mehrere Urlaubsfotos geschickt, die meisten sind aus der Schweiz, aber eines zeigt Marianne Zilkens und Hannah Arendt auf einem Ausflugsschiff in New York.
Marianne Zilkens und Hannah Arendt auf dem Hudson (Familienbesitz).
Marianne Zilkens und Hannah Arendt auf dem Hudson (Familienbesitz).
Ihr Feedback ist von unschätzbarem Wert, weil sie die Hauptfigur so gut kannte.
Ähnliches erlebte ich, als mir eine Kollegin aus den USA mailte:
Inzwischen habe ich mit Genuss "Was wir scheinen" gelesen. Was für ein wunderbarer Roman! Ich war erstaunt, als ich von dem Treffen von Ingeborg Bachmann mit Hans Egon Holthusen im Goethe-Haus in New York las. Der Grund: Holthusen war ein Semester lang an der Indiana University, als ich in den späten sechziger Jahren dort studierte. Ich wohnte seinem Seminar zur deutschen Lyrik bei. Er war ein hässlicher und unangenehmer Mensch; ich konnte ihn nicht ausstehen. Und auf einmal lese ich über ihn und sein Benehmen gegenüber Ingeborg Bachmann im Goethe-Haus. Gab es ein Tonband von dem Treffen, oder hast Du Dir das selbst erdacht? Wenn Du es ersonnen hast, dann alle Achtung: You hit the nail on the head.
Kurz bevor die Taschenbuchausgabe erschien, lernte ich in einem Hotel eine Ärztin kennen. Amrei Pfeiffer war dort lange Zeit Kurärztin gewesen, ich war Hotelautorin und gab für die Gäste Lesungen aus Was wir scheinen. Amrei Pfeiffer fragte mich, ob ich die Arendtexpertin Ursula Ludz aus München kennen würde, eine gute Freundin von ihr.
Am nächsten Morgen zeigte mir Amrei einen Mailwechsel. Ob sie meinen Roman kenne, hatte Amrei Frau Ludz gefragt, die Antwort kam prompt:
Das Buch kenne und schätze ich -- ein gelungener Roman. Die Autorin hätte ich gerne kennengelernt und kann mir vorstellen, dass wir ein angeregtes Gespräch geführt hätten.
Diese unverhoffte Connection machte es möglich, dass ich Ursula Ludz für ihre Arbeit danken konnte.
Hannah Arendt, deren Foto mit dem Hütchen hier an der Wand hängt, zwinkert all denen zu, die sie ausgraben. Das monumentale Denktagebuch, an dessen Erscheinen Sie massgeblich mitgewirkt haben, war für mich wesentlich beim Forschen und Schreiben.
Ursula Ludz schrieb zurück, sie wolle in der Redaktion, in der sie sass, dafür sorgen, dass man über das Buch berichte. Nur wenig später bat sie mich, ihr eine Germanistin zu empfehlen, die den Roman besprechen könnte.
Ich bin keine Literaturwissenschaftlerin. Die Form, die Sie gewählt haben, erscheint mir als Außenseiterin das Originelle an dem ganzen Unternehmen. Doch ich weiß sie nicht einzuordnen, weil ich mich in der Romanliteratur nur als gelegentliche Leserin auskenne. Ich rechne fest damit, dass wir uns bald werden kennenlernen.
Ich überlegte nicht lange und fragte eine Germanistin an, die mir schon bald nach Erscheinen des Romans einen Leserbrief geschrieben hatte. Lilli Mühlherr, die den Roman schon zweimal gelesen hatte, war einverstanden, dass ich ihren Kontakt an Ursula Ludz schickte. Wenn man sie anfrage, würde sie das Buch ein drittes Mal lesen.
Amrei Pfeiffer, Ursula Ludz und ich wollten uns zu dritt am Chiemsee treffen. Es sollte nicht mehr dazu kommen. Ursula Ludz' letztes Lebenszeichen erhielt ich am 19. August 2022.
Liebe Hildegard, das freut mich sehr, dass es Dir gelungen ist, München-Termine zu vereinbaren. Dem, was danach (im Nebel oder auch nicht) folgen wird, sehe ich mit Spannung entgegen. Einstweilen viele herzliche Grüße, Ursula
https://trauer.sueddeutsche.de/traueranzeige/ursula-ludz
https://trauer.sueddeutsche.de/traueranzeige/ursula-ludz
Im November fuhr ich zu Amrei an den Chiemsee. Im Dezember erschien die Besprechung von Lilli Mühlherr auf www.hannaharendt.net
Der Roman ist hervorragend recherchiert und integriert Fakten, Werkteile sowie Briefe aus den Arendt Papers, die kaum je beachtet worden sind. Ebenfalls nahezu unbekannt ist die hier auserzählte Beziehung Hannah Arendts zur Schweiz. Keller arbeitet mit Fiktionalisierungen, die in Verbindung mit den neuen Rechercheergebnissen wohl selbst für Kenner nicht leicht durchschaubar sein dürften. Als Literaturwissenschafterin kann ich mich in den umfangreichen Anhang mit ungedruckten und gedruckten Quellen vertiefen, erkenne intertextuelle Bezüge (von Ingeborg Bachmann über Kurt Blumenfeld, Bert Brecht und Günther Anders bis zu Uwe Johnson) und sehe, dass Florian Illies sich schon bald nach Erscheinen des Romans darauf gestützt hat (Liebe in Zeiten des Hasses, 2021). Das mag alles anregend und wichtig sein, doch als Romanleserin suche ich einen anderen Zugang zu Hildegard Kellers Werk und ihrer Hauptfigur.
Was ist das für ein Zugang, den die Rezensentin als Romanleserin sucht?
Die Taschenbuchausgabe zeigt Hannah Arendt in einem Pariser Café, jung, nachdenklich, ein wenig bohèmehaft, keck und unverwandt blickt sie zu den Lesenden und lädt dazu ein, sich an ihren Tisch zu setzen. Das ist das Ziel, das Keller mit ihrem Roman verfolgt: Man soll Hannah Arendt auf Augenhöhe begegnen und mit ihr etwas erleben. Es ist ein vielschichtiges Buch, spannend und flüssig verfasst, kognitiv äusserst anregend wie auch poetisch, ein wunderbares Werk, das Ruhe braucht, um sich in seiner ganzen Fülle zu entfalten. Während der Lektüre kann man erleben, wie die Protagonistin Mut zum eigenen Denken, Handeln und für das Immer-wieder-neu-Anfangen macht. Unmittelbar begegnet man beim Lesen dem eigenen Leben und gerät in einen Dialog mit Arendt. Nur schon das ist ein großes Vergnügen dieses Romans mit Hannah Arendt.
Eine Leserin
Was wir scheinen erschien mitten im Lockdown. Später, als Lesungen wieder möglich waren, vermittelte mein Verlag den Kontakt zum Literaturhaus Wiesbaden. Rita Thies, die Vorsitzende des Fördervereins, lud mich zur Lesung in die Villa Clementine ein. Ich freute mich sehr, den Kurpark endlich mit eigenen Augen sehen zu können. Ich hatte ihn im sechsten Kapitel (Menschen ohne Schatten, Wiesbaden und Köln, Januar und Februar 1950) beschrieben:
Ihre Schritte knirschten auf dem Kiesweg. Das Wasser war gefroren. Ein paar Enten standen mitten auf dem Teich, watschelten im Mittagslicht, das matt durch den Nebel drang, und schnatterten drauflos, als wären sie auf einer Konferenz. Inmitten von Ruinen, Schutt und Staub staunte sie fast über die Unbekümmertheit der Tiere, denen die tiefe Trauer in ihrer Stadt nichts anhaben konnte. Anders als die Tennisplätze im Kurpark und vieles andere, was nur für Amerikaner reserviert war, waren die Enten für alle Menschen in Wiesbaden da.
Sie schaute zu, wie das Federvieh übers Eis flog und dann, nur wenige Meter vor ihr, mit den Füßen abbremste wie Schlittschuhläufer in gelben Schuhen. Schon während der Landung parlierten sie munter. Offenbar waren auch sie hungrig, aber sie hatte kein Brot gekauft, nur zwei Ansichtskarten für ihre Neujahrswünsche. Sie dachte, dieses Geschnatter ersetzt mir die Silvesterparty, die ich zu Hause verpasst habe. Das Licht blendete, sie schloss kurz die Augen. Natürlich hatte sie sich nicht gerade Erholung erhofft, als sie Salo Barons Angebot angenommen hatte.
»Das ist kein Job wie jeder andere.«
Umso besser, hatte sie damals gedacht. Baron wird schon wissen, warum er will, dass ich für die Jewish Cultural Reconstruction an den Rhein fahre. Doch wie kehrt man dorthin zurück, wo mal zu Hause gewesen war? Sie hatte sich ausgemalt, wie es wäre, wenn sie zum ersten Mal nach ihrer Flucht wieder in dem Land sein würde, in dem jetzt die Sieger Tennis spielten und die Verlierer um amerikanische Zigaretten bettelten. Würde sie dem zerstörten Deutschland einen Besuch abstatten wie einem kranken, alten Onkel, der wundersamerweise noch am Leben war? Oder einem Geliebten, der sie verraten hatte und mit dem, Jahre später, vielleicht so etwas wie eine Aussprache möglich wäre? Erinnerte Martin sich überhaupt an das, was passiert war? Oder hatte ihn die mysteriöse Demenz befallen, die hier nur ganz wenige verschonte.
Sie wusste, wonach sie in Schutt und Staub suchen würde. Nach einem fühlenden, denkenden Wesen, einem Menschen, der die Last ihrer Zeit so wahrnähme wie sie selbst.
Eine Leserin war mit ihrer Tochter von Esslingen am Neckar hergekommen Das sind über 200 Kilometer. Margarete Teuscher wollte unbedingt ihr Exemplar von Was wir scheinen signiert haben und sagte, sie werde alles dran setzen, mich an die Esslinger Lesart zu holen. Im Jahr darauf gelang es ihr nicht, aber sie liess nicht locker.
Im Sommer 2024 fragte die Kulturverantwortliche der Stadt Esslingen an, ob ich ein neues Buch hätte. Was wir scheinen sei schon zu alt für die Lesart. Ich schickte ihr das Cover meiner Alfonsina-Storni-Biografie, die kurz vor der Lesart 2024 erscheinen sollte. So lud man mich ein, und ich fuhr im November 2024 nach Esslingen, im Gepäck sieben Storni-Bücher und Grussworte von ihr selbst. Der Anlass wurde moderiert von Alexander Maier, Redaktor der Esslinger Zeitung. Er hatte mich im Vorfeld interviewt.
Esslinger Zeitung, 19.11.2024
Esslinger Zeitung, 19.11.2024
Nach dem Auftritt kam eine Anfrage. Das Kulturamt wollte mich als Jurorin für das Literaturstipendium Esslinger Bahnwärter. So half ich mit bei der Auswahl für 2026.
Umschlag des Taschenbuchs, 2022
Umschlag des Taschenbuchs, 2022
An der Leipziger Buchmesse 2015 lernte ich Marie-Luise Scherer kennen - nicht auf dem Messegelände. In einer Bar in der Innenstadt hatte der Wallstein Verlag zum Umtrunk mit seinen Autorinnen eingeladen; ich war als Literaturkritikerin am Schweizer Fernsehen dabei. Auch Marie-Luise Scherers Buch mit ihren Dankesreden wurde gefeiert. Darin steht der schöne, sehr charakteristische Satz:
Der Namensgeber eines Literaturpreises ist, bis auf wenige Ausnahmen, immer milchstraßenweit von seinem Empfanger entfernt.
Als ich in die Bar kam, zog mich der Verleger an den Tisch und stellte mir Marie-Luise vor. Sie ging überschwänglich auf mich zu. Bald schon zogen wir uns zum Rauchen ins Séparée zurück. Sie versprach mir ihre Bücher, auch ein vergriffenes, und sie schickte sie gleich darauf nach Zürich.
Marie-Luise Scherer schrieb, wir könnten uns im Sommer wiedersehen, in der Schweiz, sie komme zu Lesungen im Engadin. Wir fuhren nach Sent. Marie-Luise las unter grausigem Husten aus der Hundegrenze, dem einzigartigen Buch, dann traf man sich zu einem Glas Wein in privatem Rahmen.
Zu Semesterbeginn im August war ich wieder in Bloomington und rief Marie-Luise gelegentlich an. Ich erinnere mich an freundliche Gespräche. Sie erzählte mir von neuen Texten, an denen sie sitze, vielleicht werde das ein Roman, und von Alltagsdingen in Haus und Garten. Auf ihre unverwechselbar präzise Art beschrieb sie zwei Raben, die jeweils zu ihr kamen. Wie sie ihr riefen und ihren Hunger kundtaten, welche Wurst sie besonders mochten und dass es unzweifelhaft ein Pärchen war. Ingeborg und Eberhard, so hatte sie die Vögel getauft, waren Marie-Luises Lieblingsgäste. Sie bewirtete nicht alle gleich gern. Nach dem Telefonat zeichnete ich in mein Skizzenbuch Vögel, auch Marie-Luise.
Erst Jahre später kamen mir die Vögel wieder in den Sinn. Wir sprachen in einer Verlagssitzung über das Cover für Was wir scheinen. Ich schickte verschiedene meiner Zeichnungen, auch die Vögel, an die Grafikerin. Sie platzierte sie auf den Titelbuchstaben. Das passte, denn beim Schreiben habe ich mich der Hauptfigur auf die Schulter gesetzt, um bei ihr zu sein, wenn sie sich erinnert und über ihr Leben nachdenkt. Sie tut das weder wie eine KI noch eine Wikipedia-Autorin, sondern sie erinnert sich in ihrem seelischen Rhythmus; deshalb braucht der Roman Zeit und Musse. Auch die Leserin mag sich wie ein Vogel auf der Schulter der Hauptfigur fühlen und sich von ihr selbst durch das gelebte Leben, das Entstehen von Beziehungen und Büchern tragen lassen.
Zwei Jahre später flogen wir über Ostern nach Hamburg und nahmen dann den Zug ins Wendland. Auch mein Mann war gespannt. Er empfand sie als unglaubliches Fossil der besonderen Art, wie sie, assistiert von Weissweinflaschen und Zigaretten, die Nächte hindurch mit Sätzen kämpfe. Das Erste, was sie uns in Damnatz zeigte, war ihr Grab. Wir hätten es ja wissen müssen, denn schon in der bereits zitierten Dankesrede hatte sie gesagt:
Wie jeder, der noch lebt, weiss ich nichts vom Tod, bin aber ständig mit ihm befasst. Bei jeder Zigarette rechne ich mit seiner Ungeduld und habe soweit alles geregelt, auch den Verbleib meines frisch geimpften Hundes. Ich habe mein Grab schon bezahlt für dreissig Jahre Liegedauer. Solange es noch leer ist, überweise ich dem Friedhofsamt 47 Euro zum 1. Dezember. Und manchmal hetzt mich dieses Grab, zur Sache zu kommen. Das der Beerdigung folgende Kaffeetrinken ist ebenfalls schriftlich festgelegt. Und wenn ich mich nicht genierte vor dem Rechtsanwalt, der sich auf mein Testament eingelassen hat und geduldig bleibt bei meinem häufigen Sinneswandel, würde ich gerne noch verfügen, zu den Mettbrötchen beim gemütlichen Teil auf dem Saal mehr Zwiebeln zu reichen.
Sie sagte uns auch, dass kein Geringer als Trauerredner vorgesehen war und dass man sie bei Suhrkamp umwerbe: "Ich habe keine Verlagsnot." Marie-Luise Scherer, die langjährige SPIEGEL-Journalistin, würzte die Demut vor der Vergänglichkeit mit ihrem späten literarischen Ruhm. Sie war also noch mittendrin im Leben. Christof machte ihr eine Rösti, sie vermachte ihm einen unschlagbaren Schwingbesen und den Titel "Silberrücken". Wir mieteten Fahrräder und fuhren auf dem Elbdeich und durch Dörfer. Freistehende Eichen, Alleen und Auen, Binnendünen, abhebende Störche und Deichschafe, Ostalgisches sondergleichen. Wir besichtigten die Festung von Dömitz und dessen Immobilienboom, der mitten in verfallenden Häuserblöcken aufschoss.
Es floss viel Wasser die Elbe und auch die Limmat runter. Am 29. Januar 2024 erhielt ich eine E-Mail:
Schon lange wollte ich mich bei Ihnen bedanken für Ihr Buch "Was wir scheinen". Sie haben eine wunderbare Möglichkeit des Erinnerns an Hannah Arendt geschaffen. Sie schreiben so besonders, ich glaubte tatsächlich manches Mal, dabei zu sein. Ich kenne mich ein wenig in NY und Israel aus, so dass auch aufgrund Ihrer Beschreibungen der Orte für mich so viel Nähe entstand. Meine Freundin Gerda Lederer, Überlebende des Holocausts (über Paris kam sie 1938 nach NY) und jetzt fast 98 Jahre, führte mich vor mehr als 30 Jahren in dieses besondere NY der Emigranten ein. Ich träume noch immer davon, meine Erlebnisse mit Gerda Lederer literarisch zu verarbeiten. Ihr Buch hat mir Mut gemacht. Ich habe es schon mehrfach verschenkt und empfohlen.
Ab Februar 2026 hiess es: Drei Monate lang London. Ich hatte ein Atelierstipendium der Landis & Gyr Foundation. Diesen Freiraum für neue Kunst hütete ich wie meinen Augapfel, doch als Angela Kindervater mich mit dem Roman Ende Februar nach Hamburg einlud, nahm ich an. Als Professorin an der Medical School Hamburg wollte sie eine Hommage für Gerda Lederer feiern (1926-2025). Der Anlass war auf Englisch.
Gerda Lederer, ursprünglich ein Wiener Mädchen, war als Zwölfjährige nach New York geflohen. Dort wuchs sie auf, wurde Mathematiklehrerin und gründete eine Familie. Ihre Töchter aus New York und Kalifornine reisten zur Tagung nach Hamburg.
Mit Hamburg ist die grosse Wende im Leben der New Yorkerin Gerda Lederer verbunden. Sie hatte sich für ein Jahr als Mathematiklehrerin an einem Hamburger Gymnasium verpflichten lassen und entdeckte in dieser Zeit ihr Interesse an Sozialforschung. Gerda Lederer kehrte an die Uni zurück, studierte, doktorierte und wurde zur international anerkannten Expertin für Autoritarismus.
An der Tagung sprach ich auch von den Biografien von Gerda Lederer und zwei anderen österreichischen Mädels mit Jahrgang 1926, Ingeborg Bachmann und Annemarie Ettinger, die in der Jugend dasselbe Schicksal wie Gerda erlebt hatte. Für beide war Wien Heimat gewesen. Annemarie erzählte davon in meinem Film Whatever Comes Next. Aus der Tiefe wurde Erinnerung gehoben.
Im Vorfeld der Tagung hatten wir nach einer Möglichkeit für eine zweite Lesung gesucht. So war Angela Kindervater mit Karin Schönewolf von den Hamburger Denk(t)räumen in Kontakt gekommen. Zur grossen Überraschung stellte sich im Gespräch heraus, dass Gerda Lederer Karins Mathematiklehrerin gewesen war. Sie nahm an der Tagung teil und führte später meine Lesung in den Denk(t)räumen ein.
Der Abend brachte weitere Überraschungen. Eine Leserin, die ihren Freundeskreis mit signierten Exemplaren von Die weisen Tiere beschenkt hatte, reiste mit zwei Freundinnen aus dem Wendland an. 150 Kilometer weit fuhren sie für dieses Selfie, und das Schönste ist, dass sie an derselben Schule arbeiten - in Dömitz an der Elbe, ganz nah von dort, wo Ingeborg und Eberhard der Marie-Luise die Wursträdchen aus der Hand frassen.
Noch ein Überraschungsgast kam an die Hamburger Lesung. Mina ist eine Studienfreundin, die nach ihrer Promotion zurück nach Teheran ging. Ihr Sohn, der nun in Hamburg lebt, brachte mir die Zutaten für das Lieblingsgericht, das sie mir immer kochte. Als ich am nächsten Vormittag nach London zurückflog, sagte der Securitymann, die Zeit sei um und zeigte auf die News vom Angriff der USA und Israels auf den Iran. Auch bei der Passkontrolle. Ob ich nach London fliege, fragte der Zollbeamte, sonst habe er unschöne Mitteilungen, der Luftraum im Osten sei gesperrt.
Quel che sembriamo
Unter diesem Titel erschien 2023 die italienische Übersetzung. Der Roman kam bei Guanda in Mailand heraus. Silvia Albesano hat ihn kongenial ins Italienische übertragen. Es war ein Glück, dass wir zusammenarbeiten durften.
Presse in Italien
Robinson Libri
Dedicato alla vita di Hannah Arendt, Quel che sembriamo è un testo estremamente originale che, intrecciando realtà e finzione, restituisce alle lettrici e ai lettori un’immagine inedita della grande filosofa ebrea. Nel racconto di Hildegard E. Keller, Hannah Arendt non è più solo l’autrice di opere filosofiche straordinarie come Vita activa o La banalità del male, ma è anche una donna concreta, una moglie e un’amica premurosa, una persona che ama scrivere poesie e favole. (…) Grazie alla scrittura precisa di Keller, il lettore può entrare pian piano non solo nella vita della filosofa, ma anche all’interno dei suoi dubbi, dei suoi ragionamenti e dei suoi pensieri. I capitoli più belli sono, però, quelli che Hildegard E. Keller dedica all’inizio degli anni Sessanta, quando Arendt si reca a Gerusalemme per seguire il processo contro Eichmann per conto del “New Yorker”. (…) Grazie all’enorme lavoro di ricerca e allo studio delle fonti, Hildegard E. Keller avrebbe senz’altro potuto scrivere un importante saggio o una biografia dettagliata di Hannah Arendt, ma né un saggio né una biografia le avrebbero permesso di regalare alle lettrici e ai lettori un libro capace di trascinarli direttamente all’interno della vita della filosofa, facendoli entrare in confidenza e dialogare con lei come ebbero la fortuna di fare tutti coloro che la conobbero personalmente.
Doppiozero
Hannah Arendt guarda il panorama della valle e la sua meraviglia arriva dai sensi, pensare a tutti i fiumi del mondo è un bisogno che fa tutt’uno col respiro, ma tutti i fiumi del mondo con le loro ragioni si fondono fino a ritornare a coincidere con quell’unica visione dell’orrido davanti ai suoi occhi, perché qualcosa di più carsico affiora, ed è il ricordo di Heinrich. Oltre a essere ragionevolmente credibile e autentica, questa ricostruzione dell’andamento del pensiero ha il vantaggio, per l’autrice, di fare risvegliare visioni nelle visioni, ricordi nei ricordi. Al passato più lontano o più prezioso di Hannah. (…) Un’ultima cosa da dire su questa biografia riguarda il suo rapporto con le urgenze del lettore, che hanno sempre un tratto morboso: sentire e vedere l’amore con Martin Heidegger, sentire e vedere il processo a Adolf Eichmann, magari sentire e vedere la paura di una giovane donna ebrea di fronte al Vecchio Continente in fiamme. Keller ha grande riserbo nei confronti degli aspetti più delicati o spettacolari della vita di Arendt, ce li fa arrivare illuminati da una luce circonfusa. Ci sono ma non sono il vettore principale, non sono il compimento di nessuna parabola. È un punto forte del libro che, una volta arrivati alla conclusione, un’illuminazione di altro tipo, più diretta, non ci sia mancata per niente. Abbiamo guadagnato anzi dei ritratti più delicati e altrettanto coinvolgenti, come nei capitoli iniziali dedicati al rapporto di Hannah con sua madre Martha. È un piacere sentirle parlare, vedere una figlia affezionata ma schiva e una mamma innamorata della sua figlia eccezionale.
Diese Würdigung wurde auch in die Besprechung vom 10.2.2026 in Doppiozero integriert.
Video Milano
Nach der Lesung an der Università Cattolica in Mailand durfte ich ein Interview mit Alessandro Zaccuri, Leiter der Kommunikationsabteilung der Universität, Journalist und Schriftsteller.
Storia delle Donne
Am 4. Dezember 2026 jährte sich zum fünfzigsten Mal der Todestag von Hannah Arendt.
Aus diesem Anlass schrieb ich eine Hommage für die italienische Zeitschrift Storia delle Donne (Firenze University Press). Der Essay erinnert an die Wirkung der Bilder, vor denen Hannah Arendt in ihrem letzten Lebensjahr eindringlich warnte, und hält auch Rückschau auf die Ikone, zu der sie selbst geworden ist.
Ora, però, a 50 anni dalla sua morte, è diventata lei stessa un’immagine, un’icona degli studi sul totalitarismo e di teoria politica, ma anche dalla cosiddetta controversia su Adolf Eichmann. Tuttavia, un’immagine iconica, anche la più brillante, può diventare una camicia di forza.
Infine, poiché il numero esce nel 2025, abbiamo voluto celebrare Hannah Arendt, morta cinquanta anni fa. Abbiamo voluto renderle onore pubblicando il saggio di Hildegard E. Keller, scrittrice e docente di Letteratura tedesca, membro del nostro Comitato Scientifico. Così Keller chiude il cerchio pubblicando, con noi, il suo partecipato e vivido contributo.
Da diese Ausgabe im Jahr 2025 erscheint, wollten wir schliesslich Hannah Arendt gedenken, die vor fünfzig Jahren verstorben ist. Wir wollten ihr die Ehre erweisen, indem wir den Aufsatz von Hildegard E. Keller, Schriftstellerin und Dozentin für deutsche Literatur sowie Mitglied unseres Wissenschaftlichen Beirats, veröffentlichten. Damit schließt Keller den Kreis, indem sie bei uns ihren mitreißenden Beitrag veröffentlicht.
Albanien
Mai bis Juni 2026 war ich Artist in Residence in Tirana, auf Einladung von POETEKA. Es war eine sehr bewegte Zeit, mit Lesungen in Tirana und Shkodra. Passagen aus Was wir scheinen wurden ins Albanische übersetzt und gemeinsam mit dem Original vorgetragen.
Das Interesse an meinem literarischen Zugang zu Hannah Arendt war gross. Der Roman, seine Hauptfigur, ihre Präsenz in der Aktualität und der albanischen Diktaturgeschichte bekam viel Aufmerksamkeit In jenen letzten Maitagen 2026 begannen die Flamingoproteste gegen die aktuelle Regierung unter Edi Rama.
Abgesehen vom Roman stand einer meiner Filme auf dem Programm. In der Deutschen Botschaft durfte ich Brunngasse 8 vorführen, an der Universität Tirana einen Storytelling-Workshop und an Schulen Aktionen mit Jugendlichen im Deutschunterricht durchführen.
Was wir sind und scheinen
Das Radiofeature ist ein Making-Of zum Roman mit viel Musik und Entdeckungen im Radioarchiv. Was wir sind und scheinen. Unterwegs mit Hannah Arendt (2022) bringt Passagen aus dem Roman, historische Originalaufnahmen von Hannah Arendt und Karl Jaspers und unsere Vertonungen von Hannah Arendts Gedichten.
Hannah Arendt reiste 1968 zur Trauerfeier für Karl Jaspers in der Basler Martinskirche. Das Schweizer Radio machte eine Direktübertragung, deren Originalaufnahme im Radioarchiv erhalten ist. Hannah Arendts Rede in der Kirche berührt:
Wir wissen nicht, was geschieht, wenn ein Mensch stirbt.
Wir wissen nur: Uns hat er verlassen.
Wir halten uns an die Werke und wissen doch, dass die Werke uns gar nicht brauchen. Sie sind, was einer, der stirbt, zurücklässt in der Welt, die da war, bevor er kam, und weitergeht, wenn er sie verlässt. Was aus ihnen wird, hängt vom Gang der Welt ab.
Doch das Tondokument ihrer Rede, Hannah Arendts Stimme in Trauer um den Freund, geht erst recht unter die Haut. Die Ausschnitte der Rede zählen zum Herzstück des Radiofeatures.
Aber die einfache Tatsache, dass diese Bücher gelebtes Leben waren, geht nicht unmittelbar in die Welt. Das, was an einem Menschen das Flüchtigste und doch zugleich das Größte ist, das gesprochene Wort und die einmalige Gebärde, das stirbt mit ihm.
Das bedarf unser, dass wir seiner gedenken.
Der Umgang mit den Toten, das will gelernt sein, und damit fangen wir jetzt an, in der Gemeinsamkeit unserer Trauer.
In Kapitel 26 erzähle ich von dieser Trauerfeier, aber auch von dem zur selben Zeit gefassten Plan, Ferien im Tessin zu machen. Bis zu Hannah Arendts Tod am 4. Dezember 1975 sollten es sieben Sommer werden. Der letzte Sommer bildet den einen Erzählstrang im Roman, für den anderen sind es die Jahre 1941 bis 1975. In Kapitel 26 kommen die zwei Erzählstränge also zusammen.
Das Feature lässt viele zu Wort kommen: Erstens Hannah Arendt und Karl Jaspers, in Fundstücken aus dem Radioarchiv, zweitens bekommt man von mir Romanpassagen vorgelesen und hört die Autorin, wie sie auf den Schreibprozess zurück schaut, sozusagen von aussen, denn diese Rolle spricht die Schauspielerin Chantal Le Moign. Ich liebe ihren Stimmklang als Visionärin Hadewijch im Hörspiel Der Ozean im Fingerhut.
Hannah Arendt passt in keine der Schubladen, in die man sie gesteckt hat, ganz und setzte sich am liebsten zwischen die Stühle. Mich hat das Erzählen mitten in ihre Menschlichkeit geführt.
Mit Musik von Edith Piaf über Janis Joplin bis Mani Matter, weil alle zum Soundtrack des Romans gehören. Das musikalische Herz sind aber unsere Vertonungen von sieben Gedichten, die Hannah Arendt geschrieben hat. Sandra Suter singt, Peter Zihlmann begleitet sie am Flügel. Dies dürfte Hannah Arendts Weltpremiere als Songwriterin sein. Sie liebte Musik, wie sie Karl Jaspers verriet.
Sie ist auch eine Dichterin, nur für sich selbst.
Was wir sind und scheinen. Unterwegs mit Hannah Arendt. Passage, SRF2, Redaktion Bernard Senn.
Produktion Simon Meyer. Drehbuch: Hildegard E. Keller. Sprecherinnen: Hildegard E. Keller und Chantal Lemoign. Liedvertonung: Sandra Suter mit Hildegard E. Keller; Klavierbegleitung von Peter Zihlmann. Ursendung: 18. und 20. Februar 2022. Das Feature ist in der SRF-Mediathek.
Im Studio
Bei der ersten Szene ist man im Landeanflug auf Zürich-Kloten. Wir suchten vergeblich historische Tonaufnahmen aus dem Flugzeuginneren als Geräuschkulisse. Der ehemalige Swissair-Pilot Olav Brunner, zwischen New York und Zürich unterwegs, als Hannah Arendt diese Strecke oft flog, gab uns Auskunft: «Mit der Ablösung der Langstrecken-Propellerflugzeuge (DC-6 und DC-7) durch Jets verringerten sich der Lärm und die Vibrationen in den Kabinen drastisch. Die Swissair setzte 1960 erstmals DC-8 auf dem Nordatlantik ein. Im Flugzeuginnern ist der Lärmpegel vor den Flügeln am tiefsten, dort platzieren die Airlines deshalb ihre Erstklasspassagiere.» Olav Brunner sprach für uns auch die Durchsage des Piloten ein.
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Feedback
Der für das Sendegefäss verantwortliche SRF-Redaktor Bernard Senn liess uns autonom arbeiten. Nach der Abnahme schrieb er mir ein Feedback:
Ich glaube, Dir ist etwas Neues und Einzigartiges gelungen: nämlich die Arendt ein Stück weit zu befreien. Zu befreien aus all den vielen Zuschreibungen, Interpretationen, Verkürzungen und vielleicht auch Missverständnissen. Du nimmst uns mit Deinem Feature auf ein ganz eigenes, sicher aber einzigartiges Abenteuer mit. Das Stück ist sehr zärtlich und auch sehr klug. Fast scheint es mir eine lange Meditation auf die Vergänglichkeit und das aus der Welt Scheiden. Dadurch bekommt es etwas Zeitloses, von Arendt Losgelöstes.
Ein Glück sind unsere sieben Lieder. Die Aufnahme aus dem Hotel Dolder vom Oktober 2021 war von Benno Hofer gemastert worden. Bernard Senn hatte uns erlaubt, sie ins Feature zu integrieren.
Was mich beim Hören verblüfft: wie sehr die vertonten Gedichte dazu betragen, die Arendt in ein wirklich neues, vermutlich so noch nie gesehenes Licht zu stellen. Ein genialer Schachzug! Mit diesen Vertonungen ist Euch Grosses gelungen. Überhaupt gefällt mir die musikalische Dramaturgie – nicht zuletzt, weil sie auch Mani Matter noch einmal als jenen tiefsinnigen Philosophen aufscheinen lässt, der er meiner Meinung nach war.
Insgesamt erscheint mir die Arendt durch Dein Stück gesehen und gehört als eine grosse Liebende – und das überrascht und erstaunt mich. Liebe=Freundschaft=Liebe. Es ist Dir mit diesem Stück gelungen, eine bislang unbekannte Tür aufzustossen.
Die weisen Tiere
Im Bilderbuch Die weisen Tiere (2025) erzählt Hannah Arendt eine Heldinnenreise für Kinder aller Alter. Die farbenfrohe Originaledition ihres einzigen Märchens macht Mut.
Jahrzehntelang schlummerte es im Nachlass von Hannah Arendt, zu ihrem 50. Todestag machte ich die Erstausgabe, von mir illustriert und mit einem Nachwort zu seiner Entstehung versehen: Die weisen Tiere.
Hannah Arendts einziges Märchen ist gute neunzig Jahre alt und lag fünfzig Jahre lang in einer Archivschachtel. Nach meinen Erkenntnissen entstand es in den Pariser Jahren, und zwar im Kontext ihrer Tätigkeit für die Jugendalijah. Erstmals, und nur hier, standen ganz junge Menschen im Zentrum ihres Lebens.
Ich fand den Text während der Recherche zu meinem Roman. Die Schachtel, in der Die weisen Tiere lagen, trägt die Bezeichnung »Poetry and Stories«. Der Text ist auf sieben Blätter Luftpostpapier getippt, von denen das letzte sogar doppelseitig beschrieben ist; den Titel hatte Hannah Arendt von Hand darübergeschrieben. Eine Originalseite ist unter diesem Text zu sehen.
Ich wurde neugierig, transkribierte den Text und staunte über die Erzählung und den Umstand, dass sie unbeachtet und unveröffentlicht geblieben war.
Im Mädchen, seinen Tierbegegnungen und den pfiffigen Dialogen entdeckte ich eine andere Hannah Arendt: verspielt, poetisch und humorvoll. Sie kostet ihr Erzähltalent in den vielen Dialogen aus und bedient sich grosszügig im Zoo der menschlichen Kulturgeschichte. Die strenge Theoretikerin Hannah Arendt kann auch anders.
Ihre Heldin ist ein Mädchen im Aufbruch. Es spricht zu Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen gleichermassen. Denn was da geschieht, geht alle an: tatsächliche und eingebildete Weisheit, Selbstmitleid und echte Hilfsbereitschaft, Arroganz, Einbildung und wirkliche Klugheit. Es ist Krieg, die Erwachsenen sind dauernd weg, das Kind hütet seine Gänse und spart sein Taschengeld, da weder die Bonbons noch das Eis das sind, was sie mal waren. Bis es eines Tages eine fremde Gans sieht, die anders ist. Mitten auf der Brust trägt sie einen schwarzen Fleck und kann mehr als nur watscheln.
Als sie davonfliegt, bricht das Mädchen zu seiner grossen Reise auf, denn es will die geheimnisvolle Gans unbedingt finden. Es erlernt die Vogelsprache und begegnet den mehr oder minder weisen Tieren dieser Welt. Eine Geschichte über Mut, Vertrauen und den Wunsch, die Welt zu verstehen. Mit einem Happy End, wie es sich gehört.
Die weisen Tiere waren es auch, die mich dazu brachten, mit Jerome Kohn, dem literarischen Nachlassverwalter von Hannah Arendt Kontakt aufzunehmen. Ich verdanke dem Märchen kostbare Begegnungen, umständehalber auf Zoom. Jerry erzählte mir Erinnerungen, Bonmots und Anekdoten seiner ehemaligen Lehrerin, und zwar andere als die, die er in seinem Essay Die geistsprühende Hannah Arendt. Erinnerungen (2005) niedergeschrieben hatte. Jerry, so schien mir, erinnerte sich an den Menschen Hannah mit hellwachen Sinnen.
Emilie_Maquet
Emilie_Maquet
Emilie_Maquet
Emilie_Maquet
Die Uraufführung
Im Sommer 2026 inszenierten wir das Märchen Die weisen Tiere im Park der Villa Grunholzer in Uster. Das Stück für Kinder und Erwachsene ist bildstark, abenteuerlich für die einen, philosophisch tiefgründig für die anderen. Eine Koproduktion des Central Uster und der Villa Grunholzer mit der Edition Maulhelden.
Die drei Institutionen präsentieren ein immersives Stationentheater: Das Publikum wandert gemeinsam durch den Park, begegnet der Erzählerin und den Figuren hautnah und wird selbst Teil der Reise. Der Ruf «Kiwitt, kiwitt, kommt alle mit!» verbindet Jung und Alt zu einer Gemeinschaft auf Entdeckungsreise im Park der Villa Grunholzer, Florastrasse 18, 8610 Uster. Dauer: ca. 50 Minuten
Mit: Hildegard E. Keller, Simon Brusis, Bodo Krumwiede, Miro Lorenzo Maurer. Ausstattung: Doreen Back
Der 120. Geburtstag
Am 14. Oktober 2026 jährt sich zum 120. Mal der Geburtstag von Hannah Arendt. Aus diesem Anlass spielen wir das Märchen von den weisen Tieren mit 38 Kindern in Sachsen-Anhalt. Die Stadtbibliothek öffnet ihre Tore.
Am gleichen Tag geht dieses Interview, das die Büchergilde Gutenberg mit mir geführt hat, online.

