Wasserglück

Von Jörn Münkner

Trinkwasser

Aus fast allen Hähnen in Deutschland kommt Trinkwasser. Es ist sauber und frisch, jeden Tag und jede Minute. Diese Selbstverständlichkeit hat mich vergessen lassen, in welchem Wasserglück wir leben, Hahn auf und nach Belieben trinken, problemlos stille ich meinen Durst mit einer Handbewegung. 

Wasserkarges Tirana

Als ich im vergangenen September nach Tirana kam, wähnte ich mich in einem Backofen. Sehr warm war es, und sehr trocken. Ich rannte herum, musste eine Wohnung finden, das Visum besorgen, Antrittsbesuche absolvieren, ich wurde gerufen und entsandt, war ständig auf Achse.

Die hohe Taktzahl erschöpfte mich, dazu die unbekannte Sprache, die ich brauchte, um verkehrstüchtig zu sein. Ich schwitzte den ganzen Tag, meine Kleidung war voller weißer Flecken und Linien, ich hatte permanent Durst und wollte nur trinken.

Als ich meine Flasche an einen öffentlichen Hahn hielt, signalisierte mir jemand nein, nicht.

Jo, jo, uje nuk është i pijshëm.

Ich ahnte, was es bedeutet.

Nein, kein Trinkwasser.

Ich brauche Wasser

Also Wasser kaufen. Jeden Tag. Und in Plasteflaschen. Wenn ich täglich trinke, was ich in diesen Tagen verbrauche - das kann was werden. Trinkwasser aus dem Hahn, wo bist Du!

Natürlich gibt es hier Wasser genug, nur stapelt es sich in den Geschäften in Flaschen und Kanistern aus Plastik. Gibt es denn keine Alternativen?

Doch, die gibt es. Viele Tironzer benutzen Filter, sie haben teilweise Filteranlagen für ganze Häuser installiert, um das Stadtwasser zu reinigen. Andere laden ihr Auto mit Kanistern voll und zuckeln rauf zum Dajti, den Hausberg Tiranas. Auf halbem Weg sprudelt das kostbare Naß aus dem Berg, frisch und trinkbar. Ich habe weder Filter noch Auto, ich brauche eine andere Lösung.

Trinkwasser im Park

Ich habe den Stadtpark erkundet, die grüne Lunge der gebeutelten Stadt. Mir fielen Wasserhähne auf, kompakt und aus Messing wie für die Ewigkeit. Lange sah ich niemanden, der aus diesen Spendern trank. Eines Tages dann aber doch, eine kleine Schar Wasserzapfer, an einem Hahn auf dem höchsten Punkt des Parks, wo der Weg noch entlangführt, der Park aber bald endet. Es war ein Spätherbstnachmittag, windstill, Spinnenweben hingen unbeweglich in der Luft, die Sonne saß verschleiert am Firmament. Am Hahn hatten sich vor allem Alte versammelt, zum Teil mit abenteuerlichen Vehikeln und Tragehilfen. Ich fragte sie, ob das Wasser in Ordnung sei.

Po po, uji është i pijshëm, është ujë i mirë, vërtet i mirë.

Ja, gutes Wasser, lässt sich trinken. Man wartete, bis man dran war, es ging reihum, das ganze bei Erzählen, Murmeln und Lächeln. Manche wollten nur ein Fläschchen füllen, andere wuschen sich lange die Hände, einige spülten ihre Gefäße und wieder andere rollten ganze Kanister den Weg hinunter. Die meisten hantierten wie Profis, sie befüllten schnell ihre Behälter und machten Platz. Ich hockte mich zu den Leuten, man sprach mich an, mein verlegenes ich kann nicht, nuk mund më falni pardon pardon. Lächeln und die Geste, jetzt sei ich dran, aber avash avash, langsam langsam, hat Zeit.

Albanisches Wasserglück

Jede Woche gehe ich mittlerweile zum Hahn, mir gefällt der Ort. An den Wochenenden sind immer Leute da, unter der Woche zapfe ich abends meist allein.

Ich befülle meine Behältnisse und setze mich auf die Bank. Von dort kann ich weit bis zu den Bergen am nordwestlichen Stadtrand schauen und die Flugzeuge beobachten, die hochsteigen oder landen. Ich werde angenehm ruhig. Dann beginne ich auch das Hohelied auf das freie Wasser und alles Plastik dieser Welt zu summen.

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