Spiel & Story
Workshops in Albanien. Storytelling für Studierende. Kreatives Schreiben und Performen für Kinder. Lesungen an Schulen.
Von und mit Hildegard E. Keller
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Gastspiel in Albanien
2026 war ich zu Gast in Albanien. Die Residency von POETEKA, die ich erhalten hatte, wurde unterstützt vom Goethe-Zentrum Tirana und dem DAAD Albanien. Vom 13. Mai bis zum 3. Juni machte ich in der Hauptstadt und in Shkodra Lesungen aus meinem Hannah Arendt-Roman Was wir scheinen und dem Bilderbuch Die weisen Tiere; ich zeigte meinen Film Brunngasse 8 und besuchte in beiden Städten auch Schulklassen, um Workshops durchzuführen. Zusätzlich waren Studierende aus der Germanistik zu einem zweitägigen Storytelling-Workshop eingeladen.
Hier sind Impressionen aus kreativen Begegnungen.
Spiel & Story
Workshops in Albanien. Storytelling für Studierende der Germanistik an der Fremdsprach-Fakultät der Universität Tirana
Von Hildegard E. Keller gemeinsam mit Jörn Münkner, DAAD
Storytelling
Die Idee zu diesem Workshop entwickelten Dr. Jörn Münkner und ich. Er war seit September 2025 DAAD-Lektor in Albanien. Im Rahmen seiner Tätigkeit sah er Spielraum für innovative und kreative Projekte für die Bachelor- und Masterstudierenden.
Jonida Bushi, Professorin und Leiterin der Germanistik an der Uni Tirana, und Jörn Münkner begrüssten die Studierenden und die Dozentin zum Auftakt des Workshops.
Als ersten Impuls stellte ich drei Fragen zu Orten, mit denen ihr Leben verbunden ist. Die Teilnehmenden antworteten auf Zetteln, die Ansätze stellten sie einander mündlich vor. Dann ging es an die Arbeit im Computerlabor.
In Rekordzeit entstanden Geschichten mit autobiografischem Hintergrund. Die Autorinnen staunten, wie leicht das ging. Auch gaben sie ihrer Freude Ausdruck, dass sie in dem gewählten Themenfeld tatsächlich auch die "Expertinnen" seien, das sei ihr Leben. Sie müssen sich nicht erst etwas anlesen, bevor sie etwas zu sagen haben.
Blumen
Nicht ganz alle Geschichten konnten finalisiert und veröffentlicht werden, doch die Teilnehmenden haben ein Zertifikat erhalten. Der Erfolg als Gruppe bereitet Freunde.
Auch ich habe zum Dank ein Zertifikat bekommen, unterzeichnet von den Teilnehmenden. Dazu ein riesiger Tulpenstrauss aus den Händen der Direktorin.
Spiel & Story
Workshops in Albanien. Kreatives Schreiben für Kinder und Performen an der Deutsch Albanischen Schule in Tirana
Von Hildegard E. Keller gemeinsam mit Hendrik Schäfer
Die Adlershow
Es gibt in manchen Schulen und Gymnasien in Albanien Deutschunterricht. Auch die Deutsch Albanische Schule gehört dazu. Mit dem Lehrer Hendrik Schäfer besuchten wir Schülerinnen und Schüler, die aus zwei Klassen stammten und dreizehn- und vierzehnjährig waren. Nach dem Vorgespräch mit Hendrik entwarf ich einen dreistündigen Workshop, der ins Curriculum der Klasse passte und mit einer Leistungsnote als Gruppenprojekt zu verbinden war.
Zuerst schauten wir uns auf dem Gelände um. Dort war früher eine Porzellanfabrik, heute gibt es dort Schulen und Universitäten.
Im Vorfeld hatte ich für den Workshop einen Doppelkopfadler gezeichnet, als Kopiervorlage für unser Projekt. Der Doppeladler ziert die albanische Nationalflagge und ist dank Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri weit über die Schweizer Fussballwelt berühmt-berüchtigt geworden. Die Zeichnung erwies sich als ein starkes Sprungbrett.
Zuerst begrüsste der Deutschlehrer die Klasse und seine Gäste.
Dann stand der Klassensprecher auf und begrüsste mich mit einer sorgfältig vorbereiteten Rede. Ich durfte nun den Gesprächsfaden mit der Klasse aufnehmen. Ich begann mit dem Märchen Die weisen Tiere von Hannah Arendt.
Tiere - was für welche könnten denn in dem Märchen von Hannah Arendt vorkommen? Sofort kamen zig Vorschläge, dann, nach einem Weilchen, auch die ersten Tiere aus der Mythologie, der Pegasus zum Beispiel, und aus der Bibel. Sie gehören tatsächlich zu Hannah Arendts Personal.
Das Kamel und sein Dialog mit dem Mädchen rückte ins Zentrum. Ich las den Ausschnitt vor, zeigte meine Zeichnungen dazu und hängte den Doppeladler an die Tafel. Dann erklärte ich das weitere Vorgehen:
Heute schreiben wir Dialoge für den Doppeladler. Zu zweit bringt ihr ihn zum Reden.
Damit die Klasse den Spiel- und Teamgeist spüren und aufnehmen konnte, hatte ich Demo-Material gemacht, einen Dialog für zwei Adlerköpfe. Hendrik war spontan bereit, den einen Adler zu spielen, als wir den Dialog vor der Klasse aufführten.
Diesem Modell folgte der ganze Workshop: Schreiben im Tandem - ein A3-Plakat gestalten - den Dialog vor der Klasse aufführen.
Spiel
Zum Glück war unser Zeitrahmen flexibel.
Leute, das sind jetzt wirklich die letzten fünf Minuten.
Immer wieder mussten Hendrik und ich eine Verlängerung geben, denn der Doppeladler wurde auch bemalt, das Plakat zur Collage aus Bild und Text. Schliesslich war es soweit. Jedes Team (eines bestand aus drei Adlern) präsentierte das Werk: das Plakat wurde an die Tafel gehängt, der Dialog vorgespielt. Die Adlerteams traten freudig und vielleicht auch ein wenig bange vor ihr Publikum. Ohne Hauptprobe legten sich alle ins Zeug und gaben ihr Bestes.
Tschüss
Nach der Show trat der Klassensprecher wieder auf. Im Namen der Klasse bedankte er sich für den Vormittag und überreichte mir eine Schachtel mit köstlichen albanischen Pralinés.
Es war einzigartig für uns. Alle standen auch mal vorne, bespielten die Bühne und durften unseren Applaus entgegennehmen. Ein Workshop mit handfestem Resultat, spielerisch erarbeiteten Storys und, last but not least, Bestnoten für die Klasse.
Spiel & Story
Workshops in Albanien. Lesung an der Shkolla Austriake / Österreichischen Schule in Shkodra
Von Hildegard E. Keller in Zusammenarbeit mit Alfred Rasinger
Mädchen
Mit Deutschen Schulen im Ausland war ich vertraut, als ehemalige Lehrkraft an der Deutschen Schule in San Salvador, nicht aber mit österreichischen Schulen. Es war also mein erster Besuch, als Jörn und ich in die Stadt Shkodra fuhren.
Über diese kulturell bedeutsame Stadt in Nordalbanien hatte das Schweizer Fernsehen berichtet, weil ein Zürcher dorthin ausgewandert ist (TV-Beitrag, Audio-Beitrag). Die Schule befindet sich in einer idyllischen Ecke der Stadt. An jenem Morgen brachte eine frische Brise die Flaggen zum Tanzen. Es waren Maturaprüfungen.
Alfred Rasinger hatte das Treffen organisiert und insgesamt drei Klassen zusammengebracht. Zweimal eine Dreiviertelstunde lang erzählte ich und sprach mit den dreizehnjährigen Schülerinnen und Schülern von meiner Arbeit, las vor, zeigte Zeichnungen und Filmtrailer, rezitierte mit der Klasse und hörte Lieder.
Ich stellte einige der Mädchen ins Zentrum, für, über und mit denen ich Filme, Biografien, Roman, Bilderbuch erarbeitet habe.
Ich begann mit den beiden österreichischen Mädchen, die ich den Schülerinnen und Schülern unbedingt vorstellen wollte. Die gebürtige Wienerin Annemarie und die Klagenfurterin Ingeborg feiern heuer ihren 100. Geburtstag.
Wie kam es zum Film Whatever Comes Next? Wie fand ich die Idee zu den Miniaturlandschaften, die ich für den Film baute? Auch zeigte ich Fotos vom Making-Of und natürlich den Trailer.
Ich erzählte von meinem zweiten Film und wie zur Idee dazu kam. Brunngasse 8 porträtiert ein Mädchen, das zwei Weltkriege erlebt hat. Silvana hat im Ersten Weltkrieg ihren Vater und im Zweiten ihren Mann verloren. Die Folgen haben Silvana ein Leben lang begleitet.
Wieder ist das Spielen zentral für den künstlerischen Prozess. Das Spielen mit Masken und Mäusen trug zum Entwickeln der Story und der Animation bei. Die Suche nach künstlerischem Ausdruck für den Stoff war eine ganz starke Motivation für mich.
Annemarie aus Österreich und drei Mädchen aus Deutschland führten zur letzten Geschichte über Mädchen, die im Krieg aufwuchsen. Während des Ersten oder des Zweiten Weltkriegs waren sie Kinder einer deutschen bzw. jüdischen Familie und verloren sehr früh ihren Vater.
Aus dem Märchen Die weisen Tiere, das Hannah Arendt für Kinder und Jugendliche geschrieben hat, konnte ich nur noch ein paar Sätze lesen. Es erzählt von einem Mädchen, das in Kriegszeiten lebt, zu einer Reise aufbricht in die Welt der Tiere und am Ende findet, was es gesucht hat. Das Buch habe ich der Schule geschenkt.
Der Lehrer hatte die Schülerinnen und Schüler auf den Besuch vorbereitet. Ein Mädchen malte einen Gruss an die Wandtafel. Es war wunderbar, das Interesse in den Augen zu sehen, ihre Fragen zu beantworten und zu sehen, wie die coolen Jungs in der hintersten Ecke sich für die zweite Stunde ganz vorn hinsetzten.
Alfred schrieb mir danach: "Du hast etwas gewagt, das in einer Welt voller unausgesprochener Regeln und Tabus nicht selbstverständlich ist. In einem patriarchal geprägten Umfeld, in dem Frauen oft nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen, hast du den Blick konsequent auf Frauen gerichtet. Als bekannte Schriftstellerin hast du nicht die üblichen männlichen Figuren und Vorbilder in den Vordergrund gestellt, sondern Frauen sichtbar gemacht. Allein das hat Fragen aufgeworfen, Denkräume geöffnet und kam unerwartet."
Er betonte etwas, was mir tatsächlich am Herzen liegt: "Die Schüler/innen waren von deiner Anwesenheit tief beeindruckt. Es war nicht allein das, was du gesagt hast – obwohl auch deine Worte Gewicht hatten –, sondern vor allem die Art, wie du gesprochen hast: deine Energie, deine Leidenschaft, deine Betonung, deine Authentizität. Die Schüler/innen haben gespürt, dass du gerne bei ihnen warst. Das ist das Wichtigste! Du bist nicht gekommen, um einen Termin zu absolvieren und wieder zu verschwinden. Du hast den Kontakt gesucht, hast dich auf sie eingelassen und ihnen das Gefühl gegeben, gesehen zu werden. Diese Haltung kann man nicht inszenieren – man spürt sie. Ich habe sie gespürt."
Einen Tag später spielte in Tirana das Wiener Duo Dominik Fuss und Andreas Tausch. Es war eingeladen worden zum Cloudfest, unterstützt von der Österreichischen Botschaft.
Alfred und Charly, der Direktor der Schule, kamen kurz entschlossen ans Konzert. So sahen wir uns wieder, hoffentlich nicht zum letzten Mal.
The life of our soul in its very intensity is much more adequately expressed in a glance, in a sound, in a gesture than in speech.
Hannah Arendt, The Life of the Mind

