Annys Grab

Anny

1954 war sie nach Wil gezogen. Damals hiess sie noch Anny Freyland. Sie heiratete, wurde fünffache Mutter und eine selbstbewusste Wiler Bürgerin. Bis zu ihrem Tod am 28. September 2018 wohnte und wirkte sie in der Ostschweizer Stadt.

Wir fünf Geschwister waren uns nicht ganz einig, welche Art von Grab sich Anny gewünscht hätte. Einige fanden, sie brauche gar kein Grab. Ich war anderer Meinung.

Anny war stark, pragmatisch und unbändig sozial gewesen. Auch hatte sie über einen gesunden Eigensinn verfügt. Während ihrer letzten zwei Jahrzehnte versammelte sie jeden Sonntag Menschen um ihren Mittagstisch. Kochen, ernähren und Gemeinschaft stiften war ihre grosse Erfüllung gewesen. Keine Frage: Diese Sonntagsrunden müssen auf Annys Grab stattfinden.

Drei Jahre vergingen, bis ich die Idee dazu hatte und das Grabmal gemeinsam mit dem St. Galler Holzbildhauer Dominik Hollenstein realisieren konnte. Die Zitate unten sind aus der Rede zur feierlichen Einsetzung des Grabmals.

Anny wollte zeitlebens nicht mehr und nicht weniger als eine Tafelrunde. Keine Ritterrunde, sondern wahre Gemeinschaft. Keine Eucharistie. Kein Hochamt. Auch keinen Viersterne-Wettbewerb, sondern ein inniges gemeinsames Mahl.

Fotomontage aus Annys Wohnung

Fotomontage aus Annys Wohnung

Fotomontage aus Annys Wohnung

Fotomontage aus Annys Wohnung

2020: Die Planung

In der Planungsphase beschäftigte ich mich mit den städtischen Bauvorgaben für ein Grabmal. Ich fühlte mich ein wenig an das Einfamilienhaus erinnert, das sich Anny ein Leben gewünscht und nie bekommen hatte.

Dominik und ich reichten den Bauplan ein. Das Sujet der Menschen, die um den Tisch sitzen, hatte ich entworfen; Dominik bestimmte die Masse, Bauweise (Eiche mit Kupferdach, Sockel aus Stein aus dem Bodensee) und die Arten des Schnitzwerks für Text und Sujet. Das Projekt wurde bewilligt.

In der St. Galler Werkstatt entstand der Eichenblock, Dominik schnitzte das Sujet ins Holz und rief mich im Frühling 2021 zum Kolorieren. Die Ausführung wurde farben- und lebensfroher, als ursprünglich vorgesehen.

Es war ein «Hock ab und iss», das war es, was sie wollte. Seltsamerweise mochte sie es auch nicht, wenn am sonntäglichen Mittagstisch zu viel geredet wurde. Es sollte ein schweigendes Essen und Geniessen sein. Es war ihr Weg zu Achtsamkeit und Innerlichkeit.

Jeder war willkommen und jeder war gelitten, sogar Vegetarier. Vielleicht war Anny am meisten bei sich selbst, wenn die Tafelrunde um sie bebte, klapperte und vibrierte. Dann wurde sie stiller, in sich konzentriert.

2021: Die Errichtung

Dominik und ich trafen uns an einem Sommertag im Friedhof Wil. Dominik brachte das Grabmal, den Sockel, alle Werkzeuge, wir trugen sie zum Grab und begannen mit der Installation. Als das Grabmal in den Sockel gestellt wurde, begann es kräftig zu regnen.

Friedhof Wil SG. Sommer 2021

Anny hatte für alle Probleme der Welt eine Lösung. Anny war eine wissende, kurzangebundene Sonne, um die sich an ihrem Tisch das Firmament drehen konnte.

2025. Die Renovation

Zu Allerheiligen 2025 war eine Auffrischung nötig. Sonne und Regen, Hitze und Kälte hatten der Tischrunde zugesetzt. Mit Schmirgelpapier, Pinseln und Acrylfarbe arbeitete ich drei Stunden lang in der Kälte.

Annys Wil

Nach der Renovation lief ich an den Bahnhof zurück. Auch Wil hat jetzt eine kleine Europaallee. Sie beginnt gleich hinter dem ehemaligen Elternhaus von Karin Keller-Sutter.