DIE WEISEN TIERE
Originalausgabe des einzigen Märchens von Hannah Arendt. Illustriert und mit einem Nachwort versehen von Hildegard E. Keller zum 50. Todestag von Hannah Arendt, 4. Dezember 2025
«Die weisen Tiere» ist das Märchen, das Hannah Arendt (1906-1975) im Pariser Exil geschrieben hat. Es ist das einzige Märchen von ihr, dessen Originalausgabe in der Edition Maulhelden erschienen ist, als Hommage zum 50. Todestag von Hannah Arendt. Mit zahlreichen Illustrationen von Hildegard E. Keller, die den Text auch transkribiert hat. Die Sonderausgabe enthält eine Originalzeichnung. Zudem gibt es fünf Postkarten mit Motiven aus dem Buch (sie sind unten abgebildet).
In ihrem Nachwort schildert Hildegard E. Keller, wo und wie sie auf das Typoskript im Nachlass von Hannah Arendt aufmerksam wurde. Die Transkription war nicht ganz leicht, denn der Text war auf Luftpostpapier getippt, manchmal sogar beidseitig. Hier sind zwei Originalseiten.
Die weisen Tiere
Wie es zu diesem Märchen kam?
1929 vergnügte sich Hannah Arendt auf einem Maskenball im Völkerkundemuseum zu Berlin. Sie war noch unverheiratet und hatte sich von Martin Heidegger getrennt. Auf dem Ball ließ sie sich mit Erich Neumann, einem ehemaligen Studienkollegen, im Faschingskostüm fotografieren. Dort traf sie auch ihren früheren Kommilitonen Günther Stern wieder. Nur wenige Monate später heirateten Hannah und Günther.
Ihr gemeinsamer Essay über Rilkes »Duineser Elegien« erschien 1930 in der Monatszeitschrift »Neue Schweizer Rundschau«. Es wurde behauptet, damals habe Hannah Stern ihr Märchen geschrieben und darin mit dem Ex-Geliebten Heidegger abgerechnet. Das sehe ich anders.
Ich halte »Die weisen Tiere« für ein Schlüsselmärchen zu deb Pariser Jahren. 1933 emigrierte Hannah nach Paris, legte ihre akademischen Projekte beiseite und gründete 1935 eine Sektion der Jugendalijah für Flüchtlingskinder und -jugendliche. Sie sollten nach Palästina auswandern. Erstmals, und nur hier, standen ganz junge Menschen im Zentrum ihres Lebens. Hannah Arendt sorgte als Sozialarbeiterin für Kinder und Jugendliche (später, in den USA, saßen junge Studierende in ihren Seminaren, keine Kinder mehr, obwohl sie sie oft »Kinder« nannte).
1935 war die Ehe mit Günther Stern zerrüttet, aber noch nicht geschieden; er war in die USA emigriert und nannte sich nun Anders. Im Sommer 1936 traf Hannah, die sich nun wieder Arendt nannte, den ebenfalls in Paris exilierten Heinrich Blücher. Sie verliebten sich. Er schrieb leidenschaftliche Briefe mit ziemlich expliziten Bildern. Er hinterfragte ihre angeblichen »Rückfälle in die Mädchenzeit«, ihre Angst, »mit dem Überschwang Deiner Liebe ‹lästig› zu sein«. Er könne jedenfalls nicht genug davon bekommen: »Hannah, wir brauchen uns doch nicht zu genieren, das ist doch unsere große Liebe. Nur rein mit aller Kraft.« Und dann fügte er an, er wolle mit ihr, »mit dem ‹Leviathan› spielen«. Eine Anspielung auf die schöne Wippe, die das kleine Mädchen benutzen darf; die Schwanzflosse imponiert dem verliebten Blücher.
Aus dem Nachwort von Hildegard E. Keller. Die Originalseiten: The Hannah Arendt Papers at the Library of Congress. Poetry and Stories, LoC, Box 85, hier die Seiten fol. 022937 und 022943.
Die Heldin des Märchens ist ein Mädchen im Aufbruch. «Die weisen Tiere» ist eine Heldinnenreise, eine Gänse- und überhaupt eine Tierstory, es ist aber auch eine Liebesgeschichte. Man erkennt darin Hannah Arendts Skepsis gegenüber dem Gehorsam (bei der Begegnung mit dem Kamel) und dem Selbstmitleid (Mondkalb).
Für wen ist dieses Buch? Wirklich nur für Kinder? Der frühere Nachlassverwalter Jerome Kohn fand das Märchen in der Wohnung der am 4. Dezember 1975 Verstorbenen und fragte sich, für wen diese Geschichte denn eigentlich sein könnte. Anlässlich unseres letzten Gesprächs drückte er seine Sicht der Dinge aus: »Is it a fairy-tale? Just for kids? I don’t think so.«
Sicher ist, dass das Märchen Kinder, Jugendliche, Erwachsene anspricht. Was da geschieht, geht alle an. Es ist Krieg, die Erwachsenen sind dauernd weg, das Kind hütet seine Gänse und spart sein Taschengeld, da weder die Bonbons noch das Eis das sind, was sie mal waren. Bis es eines Tages eine fremde Gans sieht, die anders ist.
Mitten auf der Brust trägt die Gans einen schwarzen Fleck. Als sie davonfliegt, bricht das Mädchen zu seiner großen Reise auf, denn es will die geheimnisvolle Gans unbedingt finden. Das Mädchen heuert einen Piloten an, springt mit einem Fallschirm aus dem Flugzeug, landet unsanft im Wald dieser Welt und macht sich auf die Suche. Ein Uhu bringt dem Mädchen die Vogelsprache bei, es lässt sich auch von anderen Tieren helfen und schlägt sich durch. Der entscheidende Tipp kommt vom Elefanten. Er ist weiß, weise, und begleitet das Mädchen zu einem recht ungehaltenen Pferd, das partout nur Kinder oder Dichter aufsitzen lässt. Es ist Pegasus, der seine Flügel ausspannt und mit dem Mädchen ins Land der wilden Gänse fliegt – mitten ins Glück.
Bald nach seinem Erscheinen wurde das Buch zum Vorlesebuch des Monats in Bayern erkoren.
Es gibt viele erwachsene Leser, die sich mit dem Mädchen beglückt auf die Reise begeben. So schreibt einer von ihnen: «Mir scheint das Märchen ein Abbild der Selbstfindung eines Menschen. Die weisen Tiere sind (oder werden in der Begegnung) Teil ihrer Selbst, am Ende ist die Ganzwerdung aus der Sicht von Hannah Arendt: die Kraft, in der Welt (als Philosophin) zu wirken. Es ist wunderbar darin zu lesen.»
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«Diese ganzen Intertextualitäten zu entdecken, ist ein großes Vergnügen. Gesteigert wird das noch durch die feinen ironischen Bemerkungen, die Hannah Arendt so wunderbar einstreut. So ist das Mondkalb, eigentlich das Sinnbild eines Monsters, hier nur eine Heulsuse. Pegasus beschwert sich, dass das Mädchen kein Junge sei und es ihn mit ihren Fragen halb tot plagen würde. Auch maßregelt Pegasus das Mädchen, dass man nicht einfach so von zu Hause weglaufen dürfe, man müsse schon etwas Vernünftiges wollen.
Das alles für sich wäre schon wunderbar. Aufgewertet wird der recht kurze Text aber zusätzlich durch ganz herrliche Zeichnungen von Hildegard Elisabeth Keller, der nicht nur Dank für die Illustration, sondern auch für das Auffinden des Märchens gebührt. Dieser Fund ist ein großes Glück! Er zeigt eine andere Seite von Hannah Arendt, er erweitert ihre Bibliografie um einen literarischen Prosatext und er lässt uns als Leser ein wenig staunen, ein wenig schmunzeln und ähnlich wie die Märchenheldin ein wenig auf die Suche gehen nach Dingen, die im Text versteckt sind. Ein unerwarteter Text, der die Kraft besitzt, auf den ersten Blick Kinder und auf den zweiten Blick den erwachsenen Leser zu verzaubern.» (Peer Jürgens, literaturkritik.de, Dezember 2025)
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