Fragen

(die mir meine drei Krimis stellen)

Christof Burkard

Es fällt auf, wie viele ältere Herren, wenn sie nicht Wein oder Olivenöl herstellen, Golf spielen oder die Enkelkinder betreuen, Krimis schreiben. Auch ich gehöre dazu. Vor Jahren habe ich mich für diese Leidenschaft entschieden. Jetzt gibt es drei Krimis mit dem philosophischen Kommissar Blum: Starkstrom, Saubermann und Erntezeit.

Kritiker sagen, dass es viel zu viele von uns gebe. Nun ist es aber so, dass ich, von Joseph Beuys inspiriert, in mir den Drang verspüre, mich zu äussern, ja zu künden, in der Hoffnung etwas zu erschaffen. Zugleich bin ich einer der Menschen, die erst wissen, was sie denken, wenn sie ihm Ausdruck verleihen. Also muss er schreiben. Heinrich von Kleist versteht uns.

Warum Krimis? Der Krimi stellt schon zu Beginn eine Frage, die im besten Fall gegen Ende beantwortet wird. Dadurch erfährt der Text eine Ordnung, die der Autor mit dem Leser teilt. Aus dieser Gesetzmässigkeit wird es möglich, manches anzusprechen und doch nicht alles zu Ende erklären zu müssen.

Sherlock Holmes

Ist er auch mein Pate?

Ja, zweifellos. Sherlock Holmes stand als Schutzpatron an meinem Schreibtisch. Seine kriminalistischen Erfolge werden von Dr. Watson dokumentiert. Ein Unerfahrener wird zum staunenden Zeugen, der die Raffinesse von Sherlock Holmes' Methoden beschreibt. Sir Arthur Canon Doyle hat das einzigartige Paar im 19. Jahrhundert erschaffen - und weit mehr als das: ein Genre, das es in dieser küenstlerischen Form vorher nicht gegeben hat.

Im Zentrum steht die Idee, dass man zum Zeugen eines Forschungsprozesses wird, den die Frage nach dem Täter antreibt. Diese Stringenz war neu. Natürlich gab es vorher schon "Das Fräulein von Scudéry" von E.T.A. Hoffmann oder Geschichten von Edgar Allen Poe, die Verbrechen und ihre Aufklärung zum Inhalt hatten. Dabei stand jedoch die unheimliche Atmosphäre im Vordergrund. Verbrechen, ohne explizite Frage nach der Täterschaft, waren elementar für Erzählungen, schon im "Goldenen Esel" von Apuleius 150 Jahre nach Christi Geburt.

Wie Sherlock Holmes Vater habe ich den Plot also vom Ende her zu denken. Schon im ersten Kapitel muss ich das Delikt, den Täter und das Motiv kennen. Das ist für einen wie mich eine konzeptuelle Herausforderung.

Die Rolle der Lesenden

Braucht ein Krimiautor seine Leser?

Der vor kurzem verstorbene Noah Gordon soll gesagt haben, dass er seine Romane über das Mittelalter zunächst einmal sich selber erzähle und erst dann komme der Leser ins Spiel. Vielleicht ist das nur eine Koketterie, aber beim Krimi ist dies grundlegend anders: Das Hauptgewicht muss auf der Frage nach dem Wer und dem Warum liegen. Auf Englisch heisst das Genre deshalb verkürzt "Whodunit". Es ist eine Form, die den Leser von allem Anfang an- und einbindet, ja, ihn sogar braucht.

Der Leser soll als Schatteninspektor spekulieren, wer es gewesen sein könnte. Der Leser wird in keinem anderen Genre so direkt auf einen Erkenntnisweg geschickt. Er findet sich im zweidimensionalen Escape Room wieder, der ihn als eingesperrten Mitspieler zum Ermittler eines Verbrechens macht. Ich finde das wunderbar.

Als ich "Starkstrom", meinen ersten Krimi, schrieb, wählte ich einen Konflikt aus meinem persönlichen Erfahrungsfeld - in diesem Fall zwischen Organisationen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Das ist eine facettenreiche Szenerie, die ich gut kenne. Das war mir wichtig, denn die Vertrautheit erlaubt mir, grosse Fragen mit kleinen, alltäglichen Fragen zu verbinden. Ich wollte von der fundamentalen Spannung zwischen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kräften und Individuen erzählen. Die grosse Frage in "Starkstrom" ist die Wut in unserm Land auf die politische Aggression eines Emporkömmlings, der den guten alten Frieden stört. Die kleinen Fragen sind der Umgang mit Gewerkschaften, der Politik und natürlich die Suche nach dem Täter. Diese Spannung trägt den Plot und führt auch zur Aufklärung des Verbrechens.

Auch in "Saubermann" gibt es dieses Aufeinanderprallen der Welten: Der Neid zeigt sich hier in einem alltäglichen Setting, nämlich der Fleischwirtschaft, der Prostitution und aktuellen Ernährungstrends wie beispielsweise dem Veganismus.

Im dritten Krimi "Erntezeit", der am 25. August 2026 erscheint, geht es um Schuld, und zwar auf Seiten der Täter, Opfer und auch der Polizei. Die Lektüre führt in die Schweizer Landwirtschaft und deren Arbeitsverhältnisse, zu gescheiterten Lebensläufe in Zeiten, wo das Scheitern (aber nur ganz grundsätzlich) gelobt wird, zur Jagd, zum Asylwesen und schliesslich zur Unbarmherzigkeit der Medien beim Herstellen von öffentlicher Meinung. Die kleinen Fragen erweitern holografisch die Essenz der grossen Fragen.

Das Personal

Welches Personal braucht ein Krimi?

Der Kreis der möglichen Täter muss geschlossen sein, sonst hat der Leser keine Chance bei der eigenen Ermittlungsarbeit. Ich lese immer wieder Krimis, bei denen sich dieser Täterkreis bis zum Schluss erweitert. Das ist nicht nur ärgerlich, sondern erzählerischer Betrug.

Konsequent hat Agatha Christie dem Prinzip des geschlossenen Kreises gehuldigt und die Zahl der Verdächtigen radikal eng gehalten. In der Mausefalle sind es sieben Personen in einer von der Umwelt abgeschnittenen Hütte mit oszillierenden Identitäten. Noch weiter hat sie es im Mord im Orientexpress getrieben, als sie den Mord in einem fahrenden Zug ansiedelte. Nur einer der zwölf Mitpassagiere kann der Täter gewesen sein, was Hercule Poirot mit sicherem Gespür aufklärt.

Erst David Lynch hat in den Neunzigerjahren die Krimiprinzipien in seiner Serie "Twin Peaks" verraten. An deren Ende wird der Zuschauer zu einer deus ex machina Auflösung verpflichtet. Im Laufe der Geschichte passieren faszinierende Begegnungen, die aber alle in Sackgassen führen. Der Täter erscheint am Schluss wie ein Geist aus der Flasche. So etwas darf nur David Lynch, der näher bei Edgar Allen Poe als bei Arthur Canon Doyle steht. Ich selbst halte mich ans klassische Modell und beschränke die Zahl der Verdächtigen auf vier bis fünf Personen.

Songs

Braucht der Krimi einen Song?

Viele der Krimis, die ich liebe, tragen in ihrer DNA ein Lied. Es kann auch eine Refrainzeile oder ein Reim sein. Sie tragen einen Teil der Lösung oder Hinweise auf den Tathergang in sich. Berühmt für "Die Mausefalle" ist das Kinderlied von den drei blinden Mäusen. Oder die Johannes Offenbarung in Umberto Ecos "Name der Rose", der sich das Strukturmoment des Zählens von Agatha Christie abgeschaut hat.

Die Songs gehören zum Aufbau, sie bilden das Skelett meiner Krimis. In "Starkstrom" ist es der abgeänderte Bibelspruch Hesekiel 25-17 aus "Pulp Fiction"(von Pete Hegseth dieses Jahr zitiert). In "Saubermann" ist es "Country Roads" von John Denver und in "Erntezeit" liegt "Strawberryfields" von John Lennon in der Luft.

Der Tatort ist ein Erdbeerfeld. John Lennon besingt in dem Lied einen Ort aus seiner Kindheit, zur Heilung seiner Lebensverunsicherung. Auch Kommissar Blum in dieser Geschichte erlebt eine tiefste Verunsicherung in seiner ganzen Existenz. Zudem ist einer der Tatverdächtigen ein absoluter Beatles-Fan. Schliesslich gibt mir das eine Gelegenheit, Phil Spector, den historisch bekannten Zerstörer der Beatles, auftreten zu lassen; er selbst hat seine offensichtliche Schuld am Todesschuss bis zu seinem Tod bestritten. Für mich wie ein Negativ zu Blums Schicksal in "Erntezeit". Eine Jugendfreundschaft von vier Halbwüchsigen schafft einen weiteren Bezug zu den Fab Four.

Für "Erntezeit" braucht es diesen Beatles-Song absolut. Aber es ist wohl eine Grundregel für mich. Meine Krimis brauchen wohl einen Song.

Schreibimpulse

Gibt es Auslöser für mein Schreiben?

Auf jeden Fall. Bei "Starkstrom" stand am Anfang ein berufliches Trauma. "Saubermann" ist durchdrungen von beruflichen Erinnerungen an die Fleischindustrie. Bei "Erntezeit" war es Friedrich Dürrenmatt.

Im Jahr 1993 suchte eine Filmproduktion Statisten für die Verfilmung von Dürrenmatts Romans "Justiz". Ich war einer davon und sass während zweier Tage in einem geparkten Bus, um auf meinen Zwanzig-Sekunden-Einsatz zu warten. Im Gerichtsgebäude sollten wir die empörte Menge spielen. Ausser der Erinnerung an endloses Warten ist mir geblieben, dass ich einmal neben dem Hauptdarsteller Maximilian Schell vor dem Pissoir stand und mit ihm über die Trennwand einen Spruch austauschte.

Eingeprägt hat sich mir Dürrenmatts lebenslänglicher Zweifel an der Justiz und ihrem Versagen beim Finden der Gerechtigkeit. Sein Romanthema ist der Freispruch eines offensichtlichen Täters, der sich wie Donald Trump rühmte, vor aller Augen jemand erschiessen zu können und freigesprochen zu werden.

"Erntezeit" erzählt vom Gegenteil, vielleicht, weil ich Dürrenmatts Zynismus nicht mag. In meiner Geschichte wird einer beschuldigt und am Schluss von der Öffentlichkeit definitiv als Täter verurteilt, obwohl er beweisen kann, dass er es nicht gewesen sein kann. Als Autor leide ich mit meiner Hauptfigur bis zum bitteren Ende - an dem er eine Versüssung erlebt.

Wer spricht das Urteil?

Ich arbeite als Jurist in einem Verband. Während eines Jahres habe ich meine Freizeit dem Erdbeerfeld, dem Krieg in Syrien, den Beatles, den gescheiterten Männern und natürlich Kommissar Blum und seiner Assistentin Sabine gewidmet.

Ob das Endprodukt gelungen ist, werden die Leser ab dem 25. August entscheiden. Ich hoffe auf ein gnädiges Urteil.